Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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-b^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN

Der deutsche Michel, erst verlacht,

Du hast ihn zum Manne, zum Helden gemacht.

Wenn der Michel sonder Scham

Im Reichstag wieder zu Ehren kam,

Erscheint dein Werk erst wundergleich,

Aus solchem Stoff schufst du das Reich."

„Dein Zugspitz!" Dieses Ende fügte Strath-
mann stets hinzu, wenn er die vielen Male
nachher das Gedicht in später Nachtstunde vor-
deklamierte. Die Entgegnung Schwabenmaiers
waren dann ebenso regelmäßig seine letzten
vier Worte", die er noch im Sterben gesprochen.

Ueber das Bismarckfest ist nichts mehr
gegangen. Die Allotrianer schenkten dem
Fürsten aus Dankbarkeit und zum Gedenken
jenen Humpen, den er allein nur mit einer
Hand hatte heben und zum Munde führen
können; — das Gefäß war ein mittelalterliches
Meisterstück und hatte einer Schusterinnung
gehört. — Sie begnügten sich selbst seit der
Zeit mit einer getreuen Kopie.

Wie schon vorher geschildert, erschien
Herbert Bismarck, später auch der zweite
Sohn des großen Reichskanzlers, Wilhelm,
in den Räumen des Vereins. Solange der Alte
und seine Söhne lebten, blieb die Allotria
in engster Verbindung mit dieser ersten Familie
des Deutschen Reiches. Sie starben und vor
einigen Jahren ist Lenbach gestorben und
bald folgte ihm seine getreue „Tante" ; von der
alten Garde sind nur wenige übriggeblieben.

Jede Körperschaft hat die Epoche des Auf-
strebens, seine Glanzzeit, die Zeit des ruhigen
Besitzes, die dann zum Niedergang und zum
allmählichen Absterben führt. So auch die
Allotria.

Ihre höchste Blüte, die ich mich in diesen
Blättern zu schildern bemüht habe, war in
den Jahren 82—97 etwa, der Kürze wegen
lasse ich wie unser Freund Emele „Acht-
zehnhundert" aus.

VON AUSSTELLUNGEN

UND SAMMLUNGEN

DERLIN. In wenigen Tagen wird in der Akademie
eine Karl Gussow-Ausstellung eröffnet werden,
die uns einen Ueberblick über das Lebenswerk des
einst vielleicht zu hoch gefeierten, von dem jüngeren
Geschlecht aber kaum mehr gekannten Malers ge-
währen soll. Inzwischen hat nun Frau Mathilde
Rabl in einer sehr verdienstlichen Ausstellung in
ihrem hübschen neuen Salon uns ein Bild von
Gussow als Lehrer zu geben versucht. Nach den
zum Teil recht geleckten, zum Teil ziemlich geist-
los realistischen Proben seines Schaffens, die in den
letzten Jahren hier zu sehen waren, begriff man die
große Verehrung kaum, die dem Verstorbenen von
einem Meister wie Klinger gezollt wird. Jetzt lernt
man sie verstehen. Manche von den Malern, die
als junge Leute bei ihm gearbeitet haben, sind an-
erkannte Männer geworden, manche haben das nicht
gehalten, was sie versprachen, einige sind halb oder
selbst ganz vergessen. Aber wie weit auch damals
schon ihre Wege auseinanderstrebten — und Gussow
hat niemals eine Individualität unterdrückt —, ein
Band hielt sie zusammen: die Aufrichtigkeit, mit
der sie der Natur auf den Leib rückten, das Los-
gehen auf die malerischen Ziele ohne Rücksicht auf

die Gewohnheiten und Liebhabereien des großen
Publikums. Die ausgestellten Frauenköpfe und Still-
leben Gussows sagen uns nicht viel, aber seine
kleine Parklandschaft mit einem lustwandelnden
Paar steht an Tonschönheit keinem französischen
Werke nach. Von Klinger ist eine kleine Akt-
studie zu sehen, die er an Kraft und Schönheit der
Farbe später nicht wieder erreicht hat; von dem 1881
in Weimar jung verstorbenen Ziermann, einem ganz
vortrefflichen Künstler, ein iWaldinneres« mit der
humorvollen Figur eines botanisierenden alten Herrn,
von MüLLER-Zschoppach eine > Bauernstube«, von be-
kannten Berliner Künstlern sind Hans Herrmann,
Dammeier, Heinrich Lessing, Wilberg, Schla-
bitz gut vertreten. Die verschiedensten Richtungen,
wie man sieht; aber in der Kunst kommt es ja nicht auf
Richtungen, sondern lediglich auf Qualität an.— Das
Künstlerhaus ist mit einer umfangreichen Cottet-
Ausstellung wieder eröffnet worden, die das
Schaffen dieses auch bei uns wohlbekannten Franzosen
nach allen Seiten vortrefflich illustriert, viel Neues
freilich nicht sagt. Im Mittelpunkt stehen natürlich
einige seiner Bilder aus der Bretagne, die selbst
bei leuchtend heller Farbenstimmung — man sehe
die >Messe< an! —einen schwermütigen Zug haben.
Am schönsten kommt sein starkes, eigentümlich
stilisiertes Kolorit bei ein paar Marktbildern aus Kairo
und bei den Ansichten der Kathedrale von Segovia zur

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