Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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CARL LEIPOLD

Münchner Jahresausstellung 1908

MÜHLE AN DER STOER

VAN GOGHS BRIEFE

Von Ernst Schur

Eine neue Kunstliteratur ist im Entstehen,
die von dem Ringen eines neuen Maler-
geschlechts Kunde gibt. Gauguins „Noa Noa"
ist dahinzurechnen; die „Erinnerungen an
die Impressionisten" von Moore. Briefe, Tage-
bücher, Schilderungen von Augenzeugen; sie
haben den Vorzug des unmittelbaren Erlebens
und schneller, tiefer, als „objektivere" Dar-
stellungen es vermögen, führen sie uns in
eine eigene Welt ein, die neben der realen
Welt existiert, die Welt der Kunst; wirklicher,
qualvoller, schöner als die reale Welt, die sie
durch ihre Existenz erst bereichert.

Was ist das für ein wundervolles Buch:
Die Briefe von van Gogh!*) Wer wissen will,
was Kunst und Ringen um Kunst ist, der
muß dieses Buch lesen, in dem alles von
Leidenschaft zittert. Welche Kraft, welche
Klarheit! Wie dringt van Gogh bis in die
Tiefe aller Probleme ein! Wer je an der

*) Vincent van Gogh, Briefe. 2. vermehrte Auf-
lage. Mit 12 Abbildungen. Geb. M. 3.60. Verlag
Bruno Cassirer, Berlin.

Echtheit seiner Kunst, an der Ehrlichkeit seines
Wollens zweifelte (doch sprechen ja seine Bil-
der beredt genug von dem elementaren Muß
seiner Begabung), der wird hier die Doku-
mente finden, angesichts deren alle Kritik
verstummt. Eine primitive, urwüchsige Kraft
ist in diesem Künstler, ein beinahe exzentri-
scher Drang, der Dinge Wesenheit und Schön-
heit zu fassen. Ergibteinen Ausblick indieZu-
kunft. Den landläufigen Realismus hat er über-
wunden und sein Auge schaut in Gefilde, wo die
Phantasie ihre schöpferische Energie bekundet.
Diese klaren und schönen Briefe werden dazu
beitragen, seiner Kunst Geltung zu verschaffen.
Wie van Gogh die ganze Natur als Farbe
sieht, dafür ein Beispiel: „Am Strande, der
ganz flach und sandig ist, kleine grüne, blaue
und rote Schiffe, in Form und Farbe so rei-
zend, daß man dabei an Blumen denkt." Oder :
„Wie ich male, weiß ich selber nicht. Ich
setze mich mit einem weißen Brett vor den
Fleck, der mich interessiert, sehe mir das an,
was ich vor Augen habe und sage zu mir

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