Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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B Kunstbibliothek
Staatliche Museen
zu Berlin

WIENER AUSSTELLUNGEN <^p-

merunggetauchte »Nokturno« und die beiden Knaben- einheimischen Mitglieder; sie müssen auch für den
akte, die von Künstlern besonders hoch gewertet Berichterstatter zugunsten einer späteren Gelegenheit
sind usw.! Eine Reihe von Bildnissen, zum Teil zurückstehen, die sie am Ziel wird besser würdigen
aus Ausstellungen schon rühmlichst bekannt, hing lassen als jetzt, da sie mit frischem Bestreben da-
dazwischen — eines der gelungensten war in seiner hin unterwegs sind oder nur Bestätigungen des schon
Schlichtheit das der Frau von Pannwitz, das Lenbach Geleisteten bringen. Ihnen hat sich J. V. Krämer
einst besonders gerühmt hat. Merkwürdig fesselnd angeschlossen, von der >Secession« her bekannt,
ist immer das Menschliche an diesen Bildern bei ebenso wie Otto Bruenauer und Franziska
aller Anspruchslosigkeit des Sichgebens, fesselnd, Esser-Reijnier, der stärkste Zuzug aber kam von
obwohl M. v. Kurowski fast eine Vorliebe für Gc- den Slaven. Da sind zwei Krakauer bemerkens-
sichter hatte, die man so im Alltag nicht schön« wert, Jan Bulas mit seinen intensiven Studien
heißt und obwohl alle in der denkbar schlichtesten nach Blumenwiesen und Georg Merkel als energi-
Stellung dargestellt sind und kaum eine Darstellung scher Figurenmaler, dessen Porträte vornehmlich
die kleinste anekdotische Pointe hat. Hinter dieser zeichnerische Qualitäten aufweisen. Dann die Tsche-
Kunst steckt ein in seinem Seelenleben unendlich chen: Anton Slavicek, der in einer Schar von
reicher Mensch. Zwei schöne Bilder von Margarete Skizzen nur den impressionistischen Farbenfleck
von Kurowski gingen jüngst in den Besitz des bayeri- wertet und in größeren Bildern nicht minder treff-
schen Staates über, das schwermütige -Mädchen am sicher ist, der ausgezeichnete Radierer Franz Simon
Zaun« und ^Mädchen mit Teetassen«. (Paris),auch in Farben das Großstadttreiben meisternd;

Ludwig Vacatko hat in breit und flüssig herunter-
gemalten männlichen Akten nach Szenen aus dem
WIENER AUSSTELLUNGEN Leben der Ringkämpfer gegriffen; ferner sind Honsa,

Stretti und Kalvoda zu nennen. Doch auch
W/IEN. Sonst war erst mit dem November der Deutschböhmen ist vertreten, durch die bald lyri-
" >Saisonbeginn« für die Ausstellungen gegeben, sehen, bald epigrammatischen Illustrationen von
deren Eröffnung sich ungefähr gleichzeitig voll- Ferdinand Staeger (Prag) und durch die farbigen
zog. Heuer wetteiferten die Vereinigungen darin, Radierungen, Holzschnitte und Monotypien von Fer-
einander zuvorzukommen; nur die Secession, mit dinand Michl (Paris), der unter Japans und der
der Renovierung ihres Gebäudes beschäftigt, hält Franzosen Einfluß zu einer eigenen karikaturisti-
noch zurück, wohl auch, um mit gesammelter
Kraft aufzutreten, zumal die aus ihr geschie-
dene sogenannte Klimt-Gruppe das längst er-
wartete Debüt ankündigt. Alle diese taktischen
und strategischen Pläne kann die erzherzog-
liche Sammlung der Albertina entbehren, da
sie unbekümmert um den Tageslärm ihr ge-
sichertes Besitztum wahlweise vorführen darf.
Aus ihren Schätzen an Handzeichnungen holte
sie jetzt das Beste für eine Porträt-Ausstel-
lung, die einen unvergleichlichen Genuß alter
und neuer Kunst bietet, von den italienischen
Quattrocentisten durch alle Länder und Jahr-
hunderte bis zu den modernen deutschen
Meistern. Ist dies wahrhaft eine Galerie der
intimsten malerischen Kunst, so vermittelt
das Künstlerhaus die Kenntnis eines echt mo-
numentalen Werkes der Bildhauerei wenig-
stens im Gipsabguß, der von Paris aus die
Europareise macht: das Totendenkmal von
Bartholome triumphiert hier dermaßen, daß
die Originalplastiken und gar die Gemälde des
Künstlers daneben eine Einbuße an Wirkung
erleiden. Noch drei Sonderausstellungen sind
unter demselben Dache zu sehen. Mehrere
Säle wurden zum Gedächtnis des heuer ver-
storbenen Wiener Landschafters L. E. Petro-
vits mit seinen Werken gefüllt, deren trockene
und genaue Sachlichkeit in allen Dingen einem
umsomehr zum Bewußtsein kommt, als ihnen
Gemälde von Charles Palmie (München)
benachbart sind, die mit äußerster Helligkeit
das kribbelige Weben der Atmosphäre in der
Stadt und im Hochgebirge wiedergeben. Ein
malender Orientalist hat A. L. Mielich eine
österreichische Entdeckerfahrt nach der Wüste
Arabiens mitgemacht und in den Ruinen des
Schlosses Amra die für die Kunstgeschichte
und für die Kenntnis ferner Kulturen wich-
tigen Fresken kopiert. Seinem objektiven Be-
richt gesellte er eine Anzahl feiner Schilde-
rungen landschaftlichen und ethnographischen
Charakters. — Im Hagenbund überwiegen dies-
mal die auswärtigen, ihm Verbündeten, über die f.goya DER GESANDTE GUILLEMARDET

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