Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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WALTER LEISTIKOW anderer, die das Programm der Secession nicht

_ . , . ,. . beschwören, immer mit Recht „akademisch"

>Freitag, den 24. Juli, ist . . . „ '

Walter Leistikow zu nannte, tut nichts zur Sache. Vielleicht
Schlachtensee bei Berlin vergaß er, daß auch ein Kallmorgen ohne
nach schwerem Leiden, „stoffliche Prätensionen" malt. Gude, Leisti-
43 Jahre alt, gestorben.« kows Lehrer, gehörte noch einer älteren Gene-
ie haben ihn zur Erde gebettet. In die mär- ration an. Für ihn war das Motiv noch Haupt-
kische Erde, die er so sehr liebte. Wie ein sache. Die „schöne Aussicht". Und wie weit
Flüstern, ein Lispeln wehmutsvoller Klagen hatte sich Gude von den Meistern der heroi-
ging es durch die Kiefern. Da stehen sie, die sehen Landschaft entfernt! Tempora mutantur.
alten wetterfesten Recken und trauern. Es Wir wollen es dem Verblichenen nicht nach-
trauert der See, der sich zu ihren Füßen aus- tragen, wenn er manchmal ein zu hartes Wort
breitet. LautloseStille. Ueber dem Waldgeht so- über den Gegner gesprochen hat. Wo blanke
eben der Mond auf. Schwerter blitzen, stie-

Ein Silberstreif leuchtet |-■-1 ben Funken und im

der Wasserspiegel einer i^^^^H^H^^^- Kampfe erprobt sich die

Bucht durch die Stämme. /JSK/k Kraft. „Eine Kampfnatur

In schwarzen Silhouetten ^^^^gJ^^^HM B|t\ war Leistikow." Die Ber-

heben sich die Kronen der ^ ~~^^*jB^BHKIk liner Secession wäre

Bäume vom strahlenden heute nicht das, was sie

Nachthimmel ab. Und daß ist, wenn sie Leistikows

seine Größe, seine und IPfP^iP^ Rat und Hilfe hätte ent-

des Waldes feierliche 'yMK^k . ,. V behren müssen. Unter

Pracht verklärt erschei- v4?'*'^2*^^ ^^^*JiW den d'e 1892 d'e

nen, gibt der See das Bild /%{■" r neue Bewegung einleite-

zurück,dessen Wasser ein jessJI K r ten> stand er 'n erster

Windhauch kräuselt. — flHfttoh^ 1 Reihe. Einer der ersten

MitWortenläßtsichein v.^B&äBtiÜfer. blich er ihr bis zum Ende

Bild nicht beschreiben. nBtOHSHK' -^T^fjL treu. Nun sich die Pforten

Aber wer kennt nicht den " _ .J&^^2&^Bfc des Grabes über ihm ge-

märkischen Waldsee Lei- 'VIS£S** ; schlössen, ruhen die Waf-

stikows, seine „Havel- ^^aft/'^"' t'^n. Erschüttert von der

kähne", das „Teufels- -.^^BoLl -'ML S^Hli Erhabenheit, der Gewalt

moor"? Wer kennt nicht B HHk des Werkes, das des

seine „Dünen" von der jfl Vjfl|HBfife^-*lH Künstlers nie rastende

friesischen Küste, seine " Phantasie und nimmer

„Brandung",seineAlpen-, Walter leistikow müde Hand geschaffen,

,t-»<» itn Nach einer Lithographie von Edvard Münch . . . ,

Wald-und Parklandschaf- reichen sich seine Freun-
ten? — Wenn je ein „Mo- de und Widersacher die
derner" den Beweis erbracht hat, daß man ein Hand. Möge dieser Handdruck ein Symbol
guter „Maler" sein kann und zugleich ein großer sein ! Möge er dazu beitragen, kleinliche per-
Dichter, so hat ihn Leistikow, auch literarisch, sönliche Feindschaften zu zerstören und die Ge-
erbracht. „Stimmung" lautetseineParole,mager gensätze der künstlerischen Auffassungen zu
Unheil dräuende Wetterwolken malen, die über versöhnen zum Heile und zur Ehre der Deutschen
das Land dahinziehen, Bäume, dieein Orkan zer- Kunst! G.J.Kern

schmetterte oder die Ufer der Spree im Sonnen- _

schein. Whistler sagt an einer Stelle: „Das

Gegenteil von Kunst ist die Malerei, die sich , Wir verweisen auf den illustrierten Aufsatz von

j i_ . ■»!• i- i i- i. • j ^- 1 j r»t-- Julius Elias, den unsere Zeitschrift im Maiheft des

durch stofflichen Inhalt in den Dienst des Phi- Jahrgangs 1902 03 dem nun heimgegangenen Meister

hstertums stellt" und durch Zufall ist dieser gewidmet hat, ferner auf die Reproduktionen seiner

Aphorismus unter einen Aufsatz der „Kunst" Werke in Jahrg. 1898 99, Seite 333, Jahrg. 18991900,

über Leistikow geraten. Julius Elias, der Ver- ^354 473 "DJ? 5ÜM"?S:"iSSSÄM^
c .,6 . J . „' ,. 1901 02,Seite 279,462 und 543, Jahrg. 1902 03,Seite409,

fasser, hatte ihn als Motto seiner Studie vor- Jahrg ,g03 ^ s;ite 451> 473'Jund |49 Jahrg ]904 05;

anstellen können. Denn der Künstler haßte Seite 447,454 und 510, Jahrg. 1905 06, Seite4l0, Jahrg.

mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines 1906 07, Seite 450, Jahrg. 1907 08, Seite 183 und 424.

Wesens diese Art Malerei. Der wahre Inhalt Auch als Schriftsteller ist Leistikow bei uns zu Wort

, . .. ,. . ti. .„ .. gekommen: „Ueber den Deutschen Kunstlerbund und

eines Bildes von Leistikow liegt nicht im Motiv, die Tage in Weimar« (Jahrg. 1903 04, Februar); „Ueber

sondern in der Gestaltung. Ob er die Kunst Corinths Erlernen der Malerei" (Jahrg. 1907 08, Mai).

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