Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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^=4=g> DAS GESETZ DES STILWECHSELS IN DER KUNST <^^~

Markt von Verona. Leben und immer wieder tung verhindert. Aber kommen wird die
Leben, das ist hier die Losung. Zahlreiche kleine Reaktion auch hier. Vielleicht ist sie sogar
realistisch durchgeführte Motive, nichts von in ihren Anfängen schon da. Doch wir wollen
großer, auf die Entfernung wirksamer Linien- den Musikkritikern, die sie schon entdecken
führung. Und nun stelle man daneben Feuer- werden, nicht vorgreifen,
bachs Iphigenie in ihrer klassischen Ruhe und (Der Schluß folgt)

Einfachheit,odergarHodlers Lebensmüde, diese

symmetrische Komposition von fünf fast ganz DIE PIGLHEIN-AUSSTELLUNG IM
gleichbewegten Figuren, die wie ein altchrist- MÜNCHNER KUNSTVEREIN

liches Mosaik wirken — würden, wenn sie nicht ... . „ „

u a u- r> c-ui a i • -ii Am 19. Februar hätten wir Bruno Piglhein's

ebendochimGefuhlsausdruckeinillusionserre- J\ 60 Geburtstag gefeiert, wäre uns dieser an Be-
gendes Element von besonderer Stärke ent- gabung, Können und Gesinnung gleich hochstehende
hielten! Oder man vergleiche eine „dekorative" Maler nicht lange vorher durch frühen Tod ent-
Skulptur von Minne mit den Porträtbüsten eines rissen worden- Die Witwe des Künstlers hat diesen
D D , .. .. . . D • • . Gedenktag in pietätvoller Weise durch die Veran-

R. Begas, oder weiter zurück eines Bernini oder staltung einer großen Ausstellung von Werken Bruno
Donatello! Man kann sich keine größeren Piglheins im Münchner Kunstverein gefeiert, die
Gegensätze denken. überraschend starken Eindruck macht. Sie umfaßt

Genau dieselbe Beobachtung können wir eine Anzahl seiner berühmten großen Werke und
. , . ., , , eine Menge kleinerer Arbeiten, Stichproben aus seinen

aber auch in allen anderen Künsten machen. verschiedensten Entwicklungsstufen. Und sie weckt
Besonders deutlich in der dekorativen Kunst. in allen Verständigung, wohl die gleiche Bewunderung
Die neuerdings immer stär-
ker hervortretende Reak-
tion gegen den etwas aus-
schürigen Phantasiestil un-
serer modernen Bahnbre-
cher, der Primitivismus der
geraden Linie und der geo-
metrischen Sachlichkeit,den
viele der Allermodernsten
proklamieren, ist nichts an-
deres als eine Reaktion ge-
gen die zeitweise allerdings
überwuchernde Neigung zur
organischen Belebung im
Sinne stärkerer Betonung
der illusionsstörenden Ele-
mente.

Merkwürdig, daß in der
Musik eine solche Reaktion
allem Anschein nach noch
nicht eingetreten ist. In
derselben Zeit, in der un-
sere Maler — etwas voreilig
— erklären, daß der Natura-
lismus ein für allemal ab-
getan sei, wird eine so na-
turalistische Oper wie die
Salome von Strauß kompo-
niert. Ich glaube, das läßt
sich nur daraus erklären,
daß die illusionserregenden
Elemente in der R. Wagner-
schen Musik einen so un-
bedingten Sieg errungen
hatten, daß derselbe immer
noch nachwirkt und das
Wiederemporkommen der
vorwiegend formalen Rieh- jozef pankiewicz die mutter des Künstlers

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