Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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DAS FIGURENBILD

Aus L. CORINTHS „Das Erlernen der Malerei"*)

Die Bilder mit einer einzelnen Figur nähern
sich noch am meisten dem Porträt.
Es soll in derartigen Bildern aber nicht die
Seele bloßgelegt werden. Deshalb ist hier die
dekorative Wirkung (das Aeußerliche) die
Hauptsache.

Velasquez hat schon viele solcher Werke
geschaffen. Und in heutiger Zeit sind Ar-
beiten derartigen Charakters von Manet klas-
sisch geworden. Aber wie diese beiden un-
abhängig voneinander Aehnliches geschaffen
haben, so können wir andere auch den Trieb
haben, von der Straße Vagabunden oder son-
stiges interessantes Gesindel aufzulesen und
nicht eher wieder aus dem Atelier zu ent-
lassen, bis sie auf der Leinwand fertig herun-
tergestrichen sind.

Eine kompliziertere Art ist die, Modelle in
malerische Kostüme(Volkstrachten) zu stecken
oder Akteure und Aktricen in ihre Theater-
rollen zu kleiden und halb als Porträt, halb
als Kostümbild darzustellen.

Von den Bildern mit vielen Figuren seien
zuerst die mit allgemein menschlichem Motiv,
wie ich sie im Kapitel über Komposition er-
wähnt habe, besprochen.

Soviel diese Motive gemalt sind, soviel sind
sie auch immer wieder von jedem wahren
Künstler neu geschaffen worden.

„Geschieht auch etwas, davon man sagen
möchte: siehe, das ist neu? es ist zuvor auch
geschehen und geschieht nichts Neues unter
der Sonne", sagt der Prediger Salome

Also suche man das Neue in sich selbst,
in seiner Individualität.

Einen weiten Weg hat das Bild zu durch-
laufen von der ersten Inspiration des Künst-
lers bis zur Fertigstellung. Der Apparat, der
in Bewegung gesetzt werden muß, ist ein gar
vielseitiger. Es ist nicht genug, sein Hand-
werk gelernt zu haben, es kommen immer
neue Probleme; außerdem ist die Wahl pas-
sender Modelle zu treffen, Kostüme anzufer-
tigen und vielleicht ganze Gerüste zu bauen.

Wenn ein derartiges, allgemein menschliches
Sujet (dazu gehören auch die religiösen Motive)
zum Malen ausgewählt ist, so soll das erste

*) Wir drucken dieses Kapitel aus dem schon
von uns im Mai-Heft besprochenen Buche, von dem
eine zweite Auflage vorbereitet wird, mit freundlicher
Genehmigung des Verlags Paul Cassirer in Berlin ab.

Prinzip sein: langsam anfangen, schnell fertig
machen.

Das heißt, sich das Motiv reichlich über-
legen und dann im ersten Eifer eine Skizze
malen, in welcher alle charakteristischen Mo-
mente betont sind. (Ueber die Wahl der rich-
tigen Szene habe ich im Kompositionskapitel
gesprochen.) Alsdann möge man mit den aus-
gesuchten Modellen einen Karton in der be-
absichtigten Größe anfertigen. Ob er nun bis
in die Details ausgeführt wird oder nur die
allgemeine große Beleuchtung und Bewegung
der Gruppen angedeutet wird, hängt von dem
Temperament des Malers ab; nämlich, ob er
bei der Bearbeitung desselben Gegenstandes
leicht ermüdet. Wenn dieses der Fall ist,
wäre die allgemeine Angabe des Arrangements
anzuraten. Dann möge man auf der bestimm-
ten Größe der Leinwand das Bild schnell
fertig zu machen versuchen.

Es ist leichter alles niedergeschrieben als
getan.

Die Frische geht bereits bei dem Karton-
studium verloren; Bedenken treten auf, ob
nicht eine andere Auffassung die bessere wäre;
namentlich läßt in den ersten Jahren durch
dieses Hin und Her das Selbstvertrauen nach,
das zu einem ersprießlichen Weiterarbeiten
absolut notwendig ist. Fängt man aber an,
das Bild umzukrempeln, eine neue Auffassung
vorzuziehen, so tritt hier wieder in kurzer
Zeit derselbe Prozeß ein; dasselbe Zweifeln
an der Richtigkeit, allmählich geht nebst dem
Selbstvertrauen auch die Urteilskraft verloren,
und die Leinwand wird für immer fortgestellt.

Die Erfahrungen lehren immer wieder, daß
die erste Auffassung die frischeste und die
beste ist, und deshalb ist es immer ratsam,
bei dem ersten Entwurf auszuhalten. Auf die
Arten der Gruppierungen einzugehen, wäre
falsch, denn Regeln gibt es nicht, und gerade
in den Arrangements beruht ein gut Teil In-
dividualität. Jeder Maler kann neue Werte
schaffen. Nur das sei hier gesagt, daß die
Begabung bei den einzelnen so verschieden
ist, daß der eine erst mit Hilfe der Modelle
die Aufgabe zu lösen vermag, dagegen einem
andern das Modell mehr hinderlich ist und
er durch seine Vorstellung allein in der Lage
ist, das Motiv zu bewältigen; demnach bedeutet
das Modell ein größeres oder geringeres Hilfs-

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