Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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DAS BILD IM ZIMMER*)

Von Karl Scheffler

'T'rotzdem eine so unendliche Menge von
I Bildern gemalt wird, gibt es nicht eben
viele, die an der Wand eine gute Wirkung
tun. Vor allem herrscht unter den Arbeiten
der letzten Jahrzehnte großer Mangel an
Bildern, die für das bewohnte Zimmer gemalt
scheinen. Die Ursachen für diesen Wider-
spruch sind mannigfacher Art. Einmal stellt
der Maler sich fast nie einen Raum vor,
wohinein sein Werk passen könnte, weil das

•) Wir entnehmen diesen Aufsatz mit gütiger
Genehmigung des Verlages dem Werke: >Moderne
Kultur«. Ein Handbuch der Lebensbildung und des
guten Geschmacks. In Verbindung mit Frau Marie
Diers, W. Fred, Hermann Hesse, Dr. Georg Lehnert,
Karl Scheffler, Dr. Karl Storck herausgegeben von
Prof. Dr. Ed. Heyck. Band I: Grundbegriffe. Die
Häuslichkeit. Stuttgart und Leipzig, Deutsche Ver-
lagsanstalt. Geb. M. 15. — .

Bild nicht für bestimmte Fälle bestellt wird,
sondern aufs Geratewohl gemalt werden muß.
Ein Renaissancemaler konnte nicht leicht feh-
len, weil er den Architekturrahmen des Kir-
cheninterieurs, des Palastes, der sein Bild
umschließen sollte, genau kannte oder doch
jedenfalls das Prinzip kannte, dem er sich
zu unterwerfen hatte. Der für das Bürger-
haus arbeitende holländische Maler sogar
konnte kaum fehlgehen, weil ihm der Cha-
rakter der Räume, die in Betracht kamen,
vollständig gegenwärtig war. Wie sehr eine
Konvention über den Charakter des Interieurs
von Vorteil ist, sehen wir auch in der an
künstlerischen Qualitäten so armen englischen
Kunst: für den Raum, dessen Stimmung dem
Maler als etwas allgemein Gegebenes vor-
schwebt, passen die englischen Aquarelle und

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HEINRICH PFORR SPIELENDES KIND

Deutsche Kunstausstellung, Köln

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