Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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-3-4^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^^-

freundlichem Humor versichert, das Essen
und Schlafen fast abgewöhnt hat. Was ver-
schlägt es auch, wenn einer nach dem anderen
die Flinte ins Korn wirft? Bei der starken
Produktion an Kunsthistorikern stellen sich
immer wieder neue Bewerber ein, die mutig
in die Bresche treten. Bei einer im vorigen
Jahre stattgefundenen Ausschreibung eines
Direktorpostens, der recht schlecht dotiert
war, meldeten sich, von beschäftigungslosen
Architekten, Malern, Offizieren a. D. abge-
sehen, über 120 gut qualifizierte Bewerber.
Bei städtischen Anstalten und privaten Stif-
tungen sind die Schwierigkeiten bedeutend
größer, schon wegen der Vielköpfigkeit und

edmund hell mer«b orger me is ter frank
Stadtpark, Graz

des Mangels an Sachkenntnis der vorgesetzten
Behörde, wegen der unumgänglichen Rück-
sichtnahme auf die Eitelkeit lokaler Größen
und ihre Sonderinteressen. Wehe demjenigen,
der darauf keine Rücksicht nimmt! Die Ge-
kränkten wissen sich zu wehren. Während
das Strafgesetz verbietet, daß einem Dienst-
boten selbst ein völlig gerechtfertigter Vor-
wurf in das Zeugnis eingetragen werde, der
geeignet wäre, ihm die Wiedererlangung einer
neuen Stellung zu erschweren, kann die Exi-
stenz eines akademisch gebildeten Mannes,
eines Gelehrten, durch geheime Auskünfte,
boshaften Klatsch gefährdet werden, von wel-
chem er keine Ahnung hat, gegen welchen
er sich nicht wehren kann. Wer kennt nicht
die Geschichte von jenem steinreichen Fabri-
kanten und Kurator eines Museums, der die
von ihm auf einer italienischen Reise privatim
erworbenen Kunstgegenstände an „seinen"
Museumsdirektor absandte, um den Einfuhr-
zoll zu ersparen?

Chi vuol provar de l'inferno il supplizio
Vada sotto villan posto in ufficio.

VON AUSSTELLUNGEN

UND SAMMLUNGEN

DERLIN. Waren wir in letzter Zeit mit französi-
scher Kunst geradezu überschwemmt worden,
so tritt uns jetzt in einer Sonderausstellung bei
Gurlitt als wohltuendes Gegengewicht einer der
deutschesten Künstler entgegen: Wilhelm Trübner.
Auch er hat in jungen Jahren französischen Einfluß,
so den Courbets, erfahren ; niemals aber ist Trübner,
ein blinder Trabant fremder Vorbilder geworden.

Die Jahrhundert-Ausstellung zeigte von den jetzt
bei Gurlitt befindlichen Bildern schon einige, so
das brillante Porträt von Martin Greif (1876), sowie
die Dame mit dem Fächer von 1873. Die Jahre
von 1870 — 76 etwa umfassen seine erste Periode,
charakterisiert durch das Dämpfen der Farbe und
ein Hinneigen zu grauen Tönen. Seine Landschaften
haben niemals eine kräftige, sonnige Haltung, das
beigemischte Grau und Braun, die unreinen Farben
und die verwaschenen Konturen bestimmen den Ein-
druck. Das Penible der Zeichnung, dem Leibi später
mit Haut und Haaren Untertan wird, berührt ihn
gar nicht; ihn reizt nur die farbige Erscheinung der
Oberfläche. Prachtvoll in dieser Hinsicht ist das
gelb-bläuliche Fleisch des »Christus im Grabe-.
Einige köstliche Porträts von ungemein lebendigem
Ausdruck, geben das Beste aus dieser frühen Zeit,
so neben den schon genannten besonders das Bild
des Bürgermeister Hoff meisten

Wie ein Vorklang zu den um das Jahr 1880 sich
gruppierenden Werken tönt auf dem sonst zahmen
Bacchus (1874) die Fanfare des breiten roten Ge-
wandes auf grauem Grund; dasselbe Rot, das Schuch
auf seinen Stilleben mit kaltem Grau zu verbinden
liebt. Trübner wird farbig, und aus seiner fast starren
Ruhe geht er gleichzeitig zu Bewegungsproblemen
über. Lapithen läßt er mit Zentauren kämpfen und
nackte Amazonenleiber hell zwischen dunklen Rossen
und kräftig gefärbten Gewändern aufleuchten. Aber

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