Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 23.1907-1908

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ERINNERUNGEN AN DEN
MÜNCHENER ALLOTRIA-KREIS

Von Louis Corinth
I.

|ie Gemütlichkeit des Münch- Ehren und Würden gekommen, sowohl in
nerischen Künstlerlebens seiner Schweizer Heimat als auch in München,
kulminierte zu Anfang aber es war etwas spät; die goldene Medaille
der achtziger Jahre im im Glaspalast hat er sogar erst als Toter
vorigen Jahrhundert in der erhalten. Schwabenmaier war als Vereins-
jungen, kurz vorher ge- dichterberühmteralsinseinem Beruf als Maler,
gründeten Allotria. An „Guschtav Schwabemaier" nannte er sich
Charakteren war dieser in seinem schwäbischen Dialekt; „Guschtävle"
Verein reich; aber trotzdem ragten aus dieser riefen ihn die Freunde.
Ansammlung einige als Riesen hervor, die zwar )Was tut mir vieles wissen not!

keine nennenswerten Kunstwerke hinterlassen Als Brunnquell froher Lieder

haben, aber kraft ihrer Lebenskunst als Genies
bezeichnet werden müssen. Viele dieser Ori-
ginale haben zwar einen „lütten Schuß" Aehn-
lichkeit mit Rameaus Neffen, besitzen aber
in Witz und Ernst eine geradezu antike Größe.
Als Beispiel sei das Sterben Gedons vorgeführt.

Gedon war der erste Präsident der Allotria.
Er war eine verkleinerte Ausgabe des Uni-
versalgenies Lionardo. Er baute, bildhauerte,
sammelte; ein Kleinod seiner Sammlung soll
ein gotischerSchuhgewesensein. München war
zu jener Zeit gerade von dem Renaissancedusel
ergriffen; in diesem Stil baute er auch das
Schack-Haus, das jetzt im Besitz des Deutschen
Kaisers ist und um das jeder rechte Münchener
Bürger einen weiten Bogen macht, um ja nicht
die ihm so verhaßten preußischen Fahnen-
stangen und Adler zu Gesicht zu bekommen.

Noch in den besten Jahren erkrankte Gedon
an einem krebsartigen Leiden. Von den
Aerzten hatte er genaue Aufklärung verlangt
und im besonderen mußten sie ihm den Zeit-
punkt angeben, wann er nicht mehr aus dem
Hause durfte. Als nun die Stunde gekommen
war, bestimmte er noch ein Abschiedsfest in
der Allotria. Alles fand sich natürlich ein.
War die eigentümliche Feier auch anfangs
ernst und von trauriger Stimmung, so wirkten
doch die Getränke und gegen Morgen soll
kaum ein Abend fröhlicher geendet haben wie
dieser. Von da ab ist Gedon lebend für niemand
mehr sichtbar gewesen. Ich finde im ganzen
Plutarch keinen Helden, dem sich nicht dieser
Leidende würdig zur Seite stellen könnte.

Der Nachfolger Gedons im Vorsitz war Len-
bach. Er verstand es, eine Schar Trabanten um
sich zu sammeln, um die ihn jederKönigbeneiden
konnte. Ich denke da hauptsächlich an das Freun-
despaar: Gustav Schwabenmaier und Stäbli.

Letzterer ist auch als Landschaftsmaler zu john s. sargent m«i-gautreau

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