Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Kunft und Natur.

Könnens annehmen. Davon kann nicht die Rede
sein, die Gründe waren dnrchans andere, kommen
aber hier nicht in Betracht. Nur die Thatfache muß
hervorgehoben werden, daß die schlechthin typischen
Darstellungen durch weniger typische, wenn man will
„realistischere" Schöpfungen ersetzt wurden.

Obschon man also ganz unzweifelhaft noch im
Vollbesitz des Könnens mrd ästhetischen Empfindens
war, ging man nach den landläufigen Vorstellungen
vom Ästhetisch-Wertvollsten zu Minderwertigem über.
Bei ungestörten Kulturverhältnissen hätte aber die
Entwickelung im gleichen Sinne immer weiter fort-
schreiten müssen; an die Stelle der höchst typischen
Darstellungen hätten mit immer mehr Nebensächlich-
keiten ausgestattete treten müssen diese Art der
Entwickelung ist in der Geschichte der Kunst stetig
sich wiederholend in der That nachweisbar.

Wenn nun zeitlich und örtlich nahestehende, in
Fähigkeit und Empfinden gleichwertige Künstler doch
mehr oder minder Typisches schaffen und natürlich
auch in jedem Falle für schön halten, so folgt daraus,
daß aus der Kunst selbst eine Definition des Schön
heitsbegriffes schwerlich gefunden werden kann.

Man sagt wohl auch die Natur sei schon, doch
„naturschön" und „kunstschön" sei etwas, das nichts
miteinander zu thun habe. Die Natur würde
„kunstschön" sein, behauptet man, wenn sie so
wäre, wie ein denkbares höchstes schöpfe-
risches Wesen sie sich bei der Schöpfung
gedacht haben müßte. Diese Ansicht enthält aber
in sich einen Widerspruch. Man will sagen, daß
z. B. nur ein Mensch schön sei, der die charakteristischen
Eigenschaften und Gestalt der Menschen überhaupt,
den vollkommensten Gattungstypus des Menschen in
sich verkörpere. Das Wesen des Schöpferischen ist es
aber gerade, aus der Einheit die Vielheit entstehen
zu lassen und nicht umgekehrt. Die absolute Vielheit
kann allein das Ziel des Schöpferischen sein. Das
Typische setzt stets eine Vielheit vorans,
deren charakteristische Merkmale es in sich
vereinigt, wenn es also im Sinne eines
vollkommensten schöpferischen Wesens hätte
liegen können, Typen zu schaffen, so hätte
es sich selbst nachschaffen müssen, es hätte
von der vorgestellten Vielheit ausgehen
und diese dann selbstverständlich zur ab
soluten Einheit, zum Artyp konzentrieren
müssen.

Der Gedanke, daß es für eine höchste Schöpfer-
kraft eine Rose, eine Nelke, einen Menschen geben
konnte, ist gar zu menschlich, wir können nicht
schaffen, nur nachzubilden ist uns vergönnt. Wir
denken uns Arten zu Typen verdichtet und glauben

Großes damit zu thun, vermeinen die Schöpferkraft
zu überbieten, wohl weil deren Gewalt uns unver-
ständlich ist.

Die Vielheit, die unendliche Mannig-
faltigkeit der Natur ist ihre Schönheit, ist
die Schönheit. Die Natur muß schon sein, nur
von der eigenen Persönlichkeit ausgehende Empfin-
dungen machen es uns Menschen schwer, diese absolute
Wahrheit zu erkennen.

Die Aesthetik ist nie zu einem positiven Ergebnis
gekommen, weil ihre Grundlagen ein wenig in der
Luft schweben; warum sollte es nicht gestattet sein,
einen einfach naturwissenschaftlichen Untersuchungs-
gang auch auf die Kunst anzuwenden.

Schaffen kann der Mensch im eigentlichen Sinne
also nicht, seine Kunst muß sich auf der Natur auf-
bauen, sie ist seine Lehrmeisterin und auf Grundlage
der Naturvorbilder muß sich das menschliche Können
zu immer höherer Schaffensfähigkeit entwickeln. Die
Natur allein kann als Beurteilungsmaßstab für
menschliche Gebilde anerkannt werden. Ein ganz
bestimmtes Verhältnis muß dann zwischen Kunst und
Natur bestehen, und dieses wird festzulegen sein.

Alles in Wirklichkeit Bestehende und jede Vor-
stellung von irgend welcher Bedeutung muß an Formen
gebunden sein. Form ist bereits ein Sammelbegriff.
Das Urelement der Form ist der Punkt; er ist für
die Vorstellung bedeutungslos. Formen sind nur vor-
stellbar als Summen von Einheiten in bestimmter
Anordnung (Komposition). Form ist in der Kunst-
sprache eigentlich nur ein pilssbegriff. Da wir für
viele häufig vorkommende einfache Formen bestimmte
allgemein bekannte Bezeichnungen haben, können wir
mit Recht von Formen sprechen. Genau genommen
sind Formen nur Realisierungen von Gestaltungs-
prinzipien, von Formeln. Ohne weiteres können wir
uns ein Quadrat vorstellen; mathematisch ausdrücken
würde man es durch die Formel x2, d. h. das
Quadrat entsteht, indem man x Einheiten auf einer-
geraden Linie aneinander legt und dieselbe Zahl der
Einheiten in x Parallelreihen daneben anschließt.

Auch die Natur besteht aus gleichen Einheiten
— die organische Natur aus Zellen — in unendlich
wechselnder Einordnung. Wir sprechen auch in der
Natur von Formen z. B. von Blättern. Wir reden
von Eichblättern, Ahornblättern, Weinblättern und
stellen uns ganz bestimmte Formen darunter vor,
obschon wir wissen, daß unter tausend und aber-
tausend Weinblättern oder andern Blättern oder Blüten
nicht zwei völlig gleiche zu finden sind, aber wir
sehen, daß die Form-Einheiten, die Zellen der gleichen
Arten doch nach einem Prinzip vereinigt sind, das in
der Unendlichkeit durch eine Formel festlegbar sein müßte.
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