Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Die Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie

<^7. Ausstellung der KünftlcrPoIonie in Darmstadt; Katalog-
häuschen. von 2>• Nt. Glbri ch.

schwingt sich allmählich zum Meister auf, begeistert
sich in einem Kreis Gleichgesinnter an der Idee einer
deutschen Volkskunst, nimmt Schüler an, und wird
schließlich selbst noch einmal Schüler in Paris, wo er
sich dann in kurzer Zeit eine geachtete Stellung erringt.
Von hier aus sucht und findet er wiederum Verbin-
dung mit seinem Vaterlande, wird besonders als Mit
arbeiter der „Jugend" einem größeren Kreise bekannt,
und erhält endlich seine Berufung nach Darmstadt.

2.11s Küstenbewohner, in engster Fühlung mit
dem Meere ausgewachsen, nimmt er aus ihm am
liebsten seine Motive und verherrlicht es bald in
Pastell, bald in Ml, oder stilisiert als Buchschmuck,
Glasmosaik oder Wandteppich. 2tuf Staatskosten
nach Chicago zur Weltausstellung entsandt, lernte er
in Amerika das von Tiffany hergestellte Gpalescent-
glas kennen, verarbeitete es mit seinem Hamburger
freunde Engelbrecht zu Fenstern und eroberte sich
durch diese originellen Kunstverglasuugen eine führende
Stellung auf diesem Gebiete.

In: Ornament bevorzugt er leichten eleganten
Linienschwung und liebt es, den verfügbaren Raum
durchzukomponieren. Sein Gebiet ist sehr groß, denn

er sagt selbst: „Ich will ein Porträt malen, aber
auch ein Möbel entwerfen können. Ich zeichne
Karrikaturen, aber auch Tapeten, Plakate, überhaupt
Originale für jedes Druckverfahren, Ich entwerfe
Glasfenster, aber auch gelegentlich einen Wandschirm
in Ledertechnik."

Josef M. Olbrich, „der Zauberer von Wien",
wie man ihn nennen hört, wurde zuerst bekannt als
Erbauer des Wiener Seceffionsgebäudes und galt
überhaupt als Hauptstütze der fecessionistischen Be
wegung in Wien. Als modernen Baumeister brachte
ihn Hermann Bahr sogar auf die Bühne. Dann
wurde er viel genannt in Paris auf der Weltaus-
stellung, wo er in der deutschen Abteilung mit dem
„Darmstädter Zimmer", in der österreichischen Ab-
teilung mit dem sogenannten „Wiener Interieur"
sich Auszeichnungen holte.

Er ist die treibende Kraft, der zusammenfassende
Wille, der die Mitglieder der Kolonie zu einem
Ganzen vereinte und ihnen den großen Plan der
Ausstellung sYOs eingab. Manchmal bizarr, selbst
grotesk bleibt er doch stets charakteristisch für sich
selbst. Zwar kommt er über den Kreis, die Kugel
form oder das Dreieck im Grnament kaum hinaus,
selbst fein mit Recht angefochtenes Plakat ist mit
Zirkel und Schiene gemacht; aber als Vorkämpfer
gegen alles Herkömmliche, wie auch gegen alles
Kunstlose, ist er von großer Bedeutung.

Auch der Hamburger Peter Behrens ist der
Losung der Vielseitigkeit gefolgt. Ursprünglich Maler,
beschäftigte er sich mit ästhetischen Studien, und
wandte sich, angezogen von dem frischen Zug, der
das moderne Kunstgewerbe bewegte, allmählich diesem
mehr und mehr zu. Als wohlhabender Mann
konnte er sich Zeit zur Entwickelung lassen, und so
tragen alle seine Erzeugnisse den Stempel der Reife.
Kein genialer Schnitzer passiert ihn:, alles ist über
legt. In der letzten Zeit versuchte er sich in ver
schiedenen Schriften an der Frage der Bühnenreform,
und es ist unzweifelhaft, daß er durch spekulatives
Denken manchmal zu verblüffenden Resultaten kommt,
sowohl in seinen Schriften, wie auch in feinen Werken.
Gerade der ruhige, bewußte Werdegang, läßt auf
ihn große Hoffnungen in die Zukunft setzen. Er
hat allein neben Olbrich sein Haus gauz selbst ge-
baut, und es wird von vielen für das beste gehalten,
weil Inneres und Außeres am meisten im Einklang
zu einander stehen. Bekannt sind seine dekorativen
Gemälde, über denen etwas eigenartig Schwermütiges
liegt, und seine farbigen Holzschnitte, in denen er
teilweise direkt an die Japaner anknüpft.

Der Bildhauer Ludwig Habich, geborener
Darmstädter, ist wohl der Genialste unter den Sieben.

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