Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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Porträtfigur der Königin Luise von Emil Hnnd-
rieser zu Tage, welcher damit zum ersten Male ein
völlig einwandfreies Werk geschasfen hat, in dem sich
malerische Freiheit in der Gestaltnng und Durchbil-
dnng der Details und des Beiwerks bescheiden den
Gesctzen statuarischer Geschlossenheit und Strenge
unterordnet. Minder glück-
lich ist diesmal der bisher
erfolgreichste Vertreter
dieser malerisch-naturali-
stischen Richtung, Gustav
Eberlein, gewesen. So-
wohl seine Gruppe der
Königin Luise mit deni
Prinzen Wilhelm, dem
nachmaligen Kaiser, als
auch die Bronzefigur einer
nackten griechischen Tänze-
rin, welche eine bogenför-
mige, für elektrische Be-
leuchtung eingerichtete Ro-
senguirlande über ihrem
Haupte schwingt, und ein
sehr wüst komponirtes,
eine Episode aus der
Verteidigung der Stadt
Hannöversch-Münden im
30 jährigen Kriege dar-
stellendes Hochrelief lassen
diejenigeStrenge, Feinhcit
und Sorgfalt in der
Durchbildung der Fornien
vermissen, welche die
Psyche desselbcn Künst-
lers zu einer so überaus
anziehenden Schöpfung
machen. Was diese Rich-
tnng gleichwohl auf dem
Gebiete der monnmentalen
Plastik zu leisten vermag,
zeigt das Gipsmodell zu
dem jüugst in Frankfurt
a. O. enthüllten Bronze-
standbild des Prinzen
Friedrich Karl von Max
Unger, welcher, ohne in der Gesamtanlage die gnten
Überlieferungen der Rauchschen Schnle zn verlassen,
doch ein erhebliches Mehr an Leben und Bewegung
erreicht hat. Jenen Überlieferungen folgt auch mit
Glück die von dem verstorbenen Karl Schuler mo-
dellirte Kolossalstatue Luthers für Nordhausen.

Der zweimalige Thronwechsel dieses Jahres hat
auch in der plastischen Kunst sein Echo durch zähl-

reiche Büsten und Statuetten der drei Kaiser gefun-
den. Unter den Bildnissen Kaiser Wilhelms I. ist
ein äußerst fein charakterisirter und in der Technik
nieisterhafter Marmorkopf von besonderem Jnteresse,
weil ihn sein Schöpfer, Joseph Kop f, knrze Zeit vor
dem Tode des Kaisers nach dem Leben — wenn wir

nicht irren, in Baden-Ba-
den — modellirt hat.
Kaiser Friedrichs edles
Antlitz ist am glücklichsten
von C. A. Bergmeier
wiedergegeben worden,
während unter den Biisten
Kaiser Wilhelms II. die-
jenige von Heinz Hoff-
meister die ähnlichste
und zugleich lebensvollste
ist. Es verdient noch
hervorgehoben zu werden,
daß auch in diesem Jahre
die Kleinplastik und jene
von den Jtalienern be-
gründete Richtung, welche
in der snbtilen Nachbil-
dung eines Modells in
einer möglichst gewaglen
Stellung oder Bewegnng
ihre Hauptaufgabe sieht
sehr gnt vertreten sind.
Ein auf einer Kugel ba-
lancirender nackter Knabe
von Johann Götz und
ein kleiner Ballschläger
von Fritz Zadow be-
zeichnen wohl den Höhe-
punkt dieser Bestrebungen.
Seit zwei Jahren hcit
auch die Tilgnersche
Schnle in Berlin einen
sehr beachtenswerten Re-
präsentanten in Kuno
von Uechtritz, welcher
in der Brnnnengruppe
einer von drei Genien
nmgebenen Nymphe und
in zwei leicht getönten weiblichen Büsten wiedernm
glänzende Proben seiner Begabung für wirksame
Komposition in malerischem Sinne abgelegt hat.

Adolf Nosenberg

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

x. — Von dcn Mcistcrholzschnitten aus vier Jahr-
hundcrten, welche Vvn vr. G. Hirth und Or. R. Muthsr
in München gemeinsam herausgegeben werden, ist kürzlich die

Das Gambcttadenkinal in Paris.

Aus der R-svus ä68 ard8 äöoorabik^ entlehnt.
(Vergl. die Notiz Sp. 706 in Nr. 44.)
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