Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Die Ausstellung und der Kongress für Maltechnik in München.

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malen der angehende Künstler die ersten Erforder-
nisse eines „Bildes" nicht kennen lernt und ungeübt
ins Leben hinaustritt, so dass er wie einer, der theo-
retisch das Schwimmen gelernt hat, dann ins Wasser
gefallen, ertrinken muss. Es müsste mehr Gewicht
auf das rein Technische der Ausbildung gelegt
werden und nicht nur Ölmalerei, sondern alle Arten
der malerischen Ausdrucksweisen geübt werden. Es
wäre unrecht, dieser Rede nicht eine große Bedeu-
tung beizulegen, schon des hervorragenden Künstlers
wegen, welcher seiner innersten Uberzeugung Aus-
druck verliehen hat, dann auch wegen der Anwesen-
heit des bayerischen Ministers für Kultusangelegen-
heiten, an dessen Adresse ein großer Teil der Rede
gerichtet war und welchem infolge des bisherigen
Studienganges, im Sinne Lenbach's, die Schaffung
eines „Kunstproletariates" zum Vorwurf gemacht
werden könnte.

Von anderer Seite wurde geltend gemacht, dass
die Unkenntnis mit dem Material, die falsche oder
ungeeignete Verwendung der Farben und vielfache
Verfälschungen den Künstler auf Irrwege führen
müsse, dass demnach vor allem eine gründliche
Kenntnis chemischer wie physikalischer Eigenschaf-
ten des Materiales notwendig zum Studiengange ge-
höre; in früheren Zeiten hätten die „Lehrjungen"
von Jugend auf alle diese Dinge empirisch in sich
aufgenommen. Schließlich wurde die folgende Re-
solution einstimmig angenommen:

1. Stete Überwachung des Verkehrs der Malmittel
betreffs Reinheit und Brauchbarkeit ist unabweis-
bares Bedürfnis.

2. An sämtlichen höheren Lehranstalten für
Malerei ist Sorge zu tragen, dass den Schülern Ge-
legenheit gegeben wird, das technische Material der
Malkunst, das Wesen desselben und die Verände-
rungen, welche durch Atmosphäre und chemische
Wechselwirkung erzeugt werden, in eingehender
Weise kennen zu lernen.

3. Zur Erreichung dieses Zieles sind an den
Lehranstalten Laboratorien und Werkstätten, in denen
Sachverständige, Chemiker und Maler gemeinschaft-
lich arbeiten, ferner Lehrstühle zu schaffen, um
durch Vorträge und Demonstrationen den Schülern
Anregung und Aufklärung zu geben über chemische
Vorgänge und die Erfahrungen der Praxis.

Eine vielköpfige Kommission wurde eingesetzt,
welche über die Mittel und Wege, diese Vorschläge
zur Verwirklichung zu bringen, beraten und baldigst
schlüssig werden soll. Dieser Kommission gehören
Vertreter der kgl. Staatsregierung und der Aka-

demieen von Bayern, Preußen, Württemberg, Baden,
die beim Kongress anwesenden Delegirten von
Österreich-Ungarn (Akademie der bildenden Künste
und Kunstgewerbeschule in Wien, Kunstakademieen
in Prag und Pest) und Dänemark, einzelne hervor-
ragende Künstler und Chemiker, sowie einige Farben-
fabrikanten an. Die zu lösende Aufgabe der Kom-
mission ist keine so einfache; denn wir können uns
nicht verhehlen, dass über viele Hauptpunkte die
Technik betreffend wissenschaftliche Erklärungen
nicht bestehen, dass erst eine große Reihe von Ver-
suchen und viel Arbeit notwendig ist, um über die
grundlegenden Prinzipien einer rationellen Technik
ins reine zu kommen, dass wir nicht einmal be-
stimmt über den geschichtlichen Entwickelungsgang
informirt sind und dass es ungemein schwer fallen
dürfte, im gegenwärtigen Moment geeignete Persön-
lichkeiten zu finden, welche der Anforderung, gleich-
zeitig chemisch und rein technisch geschult zu sein,
vollkommen entsprechen und denen die Aufgabe zu-
fallen sollte, an den Lehranstalten ersprießlich thätig
zu sein. Die Hauptsache, um die es sich in erster
Linie handeln muss, ist die ins Auge gefasste Grün-
dung einer einzigen großen Versuchsanstalt, resp. um
die Erweiterung der kleinen, von der Gesellschaft
für rationelles Malverfahren vor etlichen Jahren ge-
gründeten, in welcher andauernd an der Erforschung
von Problemen, physikalischen und chemischen
Systemen der Technik zu arbeiten wäre, in welcher
alle Erfahrungen sich vereinigen müssten und an
welcher erst die geeigneten Lehrkräfte heranzubilden
wären, sowohl technisch als auch theoretisch. Das
ist der Kernpunkt der Resolution: die Gründung
einer großen für sich allein bestehenden Versuchs-
station, welche mit Beihilfe aller interessirten Fak-
toren, Regierungen und Akademieen oder Künstler-
korporationen ausschließlich sich technischen Fragen
der Malerei widmen soll; diese Form erscheint uns
als die einzig richtige, denn wenn jede Regierung
oder Akademie eine solche Station für sich errichten
wollte, müssten doch viele der Arbeiten mehreremal
gemacht werden und dabei unendlich viel Zeit und
Kraft verloren gehen. Wir haben aus dem Vortrag
einer Autorität wie Prof. Petruscheffski (St. Peters-
burg) entnommen, wie langwierig derartige grund-
legende Arbeiten für eine rationelle Technik der
Ölmalerei sein müssten und dass kaum ein Menschen-
alter dazu hinreichen dürfte; aber nicht dieser rein
wissenschaftliche Weg kanii der allein zum Ziele
führende sein, wir müssen vor allem empirisch fort-
zuschreiten suchen und denselben Weg betreten,
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