Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

Seite: 177
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ßücherschau. — Personalnaehrichten. — Preisverteilungen.

1.78

die vom Winde erfasst („percossi") unter dem Ge-
wände ein gut Teil ihrer Nacktheit zeigen. Aus
demselben Grunde fordert Leonardo den Malerknaben
seiner Zeit auf: „ Ahme, soviel du kannst, die Griechen
und Römer nach in ihrer Weise die Glieder zu ent-
hüllen, indem der Wind auf ihren Gewändern lastet."
— Nicht der Nebensatz muss unterstrichen werden,
wie Warburg es thut, sondern der Hauptsatz. Denn
alle jene Bewegung war nicht, wie er es meint, ein
künstlerischer Zweck, sondern ein Mittel.

Statt nun seine Arbeit mit einer erdrückenden
Menge von Citaten zu belasten, hätte der Verfasser
vielleicht besser gethan, der Entwickelung jener an-
tiken Gewandstatuen ein wenig nachzuspüren. Die
Aufgabe wird ja dadurch erleichtert, dass die aller-
meisten antiken Bildwerke sich auf gewisse, histo-
risch festgelegte Typen zurückführen lassen. In
unserem Falle nun leiten uns die bedeutendsten
Denkmale — wir nennen außer dem Sophokles nur
noch die Niobiden und den Apollon Musagetes —
auf die zweite Blütezeit der griechischen Plastik im
vierten Jahrhundert zurück. Schwieriger dürfte die
Untersuchung sein, welcher der großen Meister maß-
gebend war. Nur vermutungsweise wagen wir Skopas
zu nennen.

Zum Schlüsse erkennen wir gern an, dass die
Arbeit Warburg's im einzelnen manches Verdienst-
liche enthält. Die Deutung und Zusammenstellung
der beiden Hauptwerke Botticelli's ist vollkommen
richtig, wenn auch Ulmann nachgewiesen hat, dass
ihre stilistischen Unterschiede verschiedene Ent-
stehungszeiten verraten. Doch darauf einzugehen,
war nicht meine Absicht.

BÜCHERSCHAU.

Die Gemälde der Akademie der schönen Künste
in Florenz, in 76 unveränderlichen Kohledrucken heraus-
gegeben von Braun, Clement & de., Dornach.
Wer die Florentiner Sammlungen vor drei oder vier
Jahrzehnten zum erstenmal besucht hat, wird sich wohl
noch erinnern, in welcher ungestörten Ruhe er damals die
in der Accademia delle belle Arti nahe bei San Marco ver-
einigten ehrwürdigen Gemälde der älteren Toskanischen
Schulen studiren konnte. Während sich damals wie heute
in den Sälen der Uffizi und des Pitti-Palastes die Fremden
drängten, konnte man in der Akademie ziemlich sicher sein,
von der internationalen bunten Gesellschaft unbehelligt zu
bleiben; nur gelegentlich begegnete man einem Engländer,
der gewissenhaft, seinen Murray in der Hand, die ihm von
demselben angezeigten Werke aufsuchte. Dies ist seitdem
anders geworden. Wie zuerst die Mode den Sammler kunst-
gewerblicher Erzeugnisse dahin brachte, den zum Teil noch
herben Formen des Quattrocento Geschmack abzugewinnen,
so haben Kunstforscher wie Liebhaber erkannt, dass die
ganze Hochflut der italienischen Renaissance weder richtig

verstanden noch genossen werden kann, wenn wir uns nicht
zuerst von den Vorgängern im alten Florenz, in Siena, in
Umbrien eine gründliche Kenntnis verschaffen. Nichts
konnte da dem ernsten Kunstfreund willkommener sein, als
eine Sammlung wie die der Belle arti, die eine ganze An-
zahl historisch beglaubigter Bilder von Cimabue und Giotto
bis zu Perugino und Fra Bartolommeo zu bequemem Studium
vereinigt darbot. Je mehr die Bedeutung der akademischen
Galerie für die Forschung erkannt wurde, desto lebhafter
musste das Verlangen nach guten Wiedergaben der wich-
tigsten Bilder wenigstens empfunden werden. Die seiner
Zeit unter Perfetti's Leitung erschienenen Stiche konnten
unsere heutigen Ansprüche nicht mehr befriedigen — viel
mehr als die Komposition der Gemälde ist aus ihnen kaum
zu ersehen. Diesem Mangel soll nun die soeben erschei-
nende neueste Publikation der Firma Braun abhelfen. Sie
bietet in 76 Nummern eine Auswahl der wichtigsten Bilder.
Wir erhalten alle Berühmtheiten der Galerie in trefflichen
Aufnahmen: Gentile da Fabriano's Anbetung der Könige,
Fiesole's Kreuzabnahme und Jüngstes Gericht, Fra Filippo
Lippi's Krönung Mariä, Perugino's Himmelfahrt der Jung-
frau, wie die beiden Mönche aus Vallombrosa, deren große
Schönheit sie früher Raffael zuschreiben ließ, Verrocchio's
Taufe Christi mit dem Leonardesken Engel, Andrea del
Sarto's Vier Heilige und viele andere. Vielleicht mag dieser
und jener einige der alten Bilder vermissen, Cimabue's Ma-
donna aus S. Trinitä, Taddeo Gaddi's Kreuzabnahme und
Auferstehung, oder Cigoli's h. Franziskus, — aber was uns
geboten wird, ist auf alle Fälle erfreulich und gut. Der das
Werk begleitende Text von Professor Venturi ist eine will-
kommene Zugabe: er giebt nicht nur die gerade bei diesen
Bildern wichtigen geschichtlichen Notizen über ihre Herkunft,
sondern orientirt uns auch über die verschiedenen Anschau-
ungen der modernen Kritik. Mit einem Worte: auch diese
neueste Publikation der Herren Braun ist eine wichtige und
dankenswerte Bereicherung unseres Studienmaterials, die
Beseitigung einer oft empfundenen Lücke.

DR. C. RULAND.

PERSONALNACHRICHTEN.

%* Zu korrcspondirendcii Mitgliedern der königliehen
Akademie der Wissenschaften in Berlin sind die Professoren
Otto Benndorf in Wien und Karl Justi in Bonn gewählt
worden.

*„* Der Oesehichlsmalcr Professor Arthur Kampf ist
zum ordentlichen Lehrer an der Kunstakademie in Düssel-
dorf ernannt worden.

*„* Der Maler Professor Lindenschmit in München ist
vom Prinzregenten von Bayern geadelt worden.

PREISVERTEILUNGEN.

%* Von der Berliner Kunstakademie. Aus der Ginsberg-
Stiftung, die zum Andenken an den auf ischia verunglück-
ten Maler Ginsberg von dessen Angehörigen begründet wurde,
werden demnächst zwei Preise von je 1000 M. zur Ver-
teilung kommen. Den einen erhält der Bildhauer Karl
Beinert zur weiteren Ausführung seiner in Arbeit befind-
lichen Gruppe „Rätsel", den zweiten der Maler ZiegUr, der
als Meisterschüler demnächst in Berlin seine Ausbildung zu
vervollständigen gedenkt, auf Grund einer Auswahl seiner
Studienarbeiten.
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