Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe — Personalien —

Wettbewerbe — Denkmalpflege

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den Unabhängigen gesehen zu haben glauben, ganz
vortreffliche Szenen aus dem bretonischen Fischerleben
ausstellt, sehr schön und apart in der Farbe. Es seien
noch erwähnt die delikaten Kolorationen des Kana-
diers James Wilson Morrice, die dramatischen Himmel
des Norwegers Diriks und die amüsanten Karikaturen
des Wieners Otto Feldmann. Der Prager Franz Simon
hat außer sehr hübschen farbigen Radierungen einige
Ölgemälde ausgestellt, die in ihrer schmutzigen und
trüben Farbengebung lange nicht so gut wirken wie
die Radierungen. Fast die gesamte Skulptur im
Herbstsalon steht im Zeichen Rodins, und das ist ein
sehr bedenklicher Lehrmeister, der an seine Nachahmer
nicht sein großes technisches Können, sondern sein
Räuspern und Spucken zu vergeben pflegt. Der
Böhme Bohumil Kafka, der Kroate Ivan MestroviQ, der
Franzose Duchamp- Villon e tutti quanti sind solche
Rodinisten, die sich bemühen, ihr Vorbild zu über-
rodinisieren. Nur Matisse, der nicht nur malt, sondern
auch bildhauert, ist von solcher Nachahmung frei:
der ist, wenn ich ihn recht verstand, ein Narr auf
eigene Hand und anerkennt ni dieu ni maitre.

KARL EUGEN SCHMIDT.

NEKROLOGE

Der Porträt- und Historienmaler Professor Gottlieb
Biermann ist gestorben. Er war am 13. Oktober 1824
zu Berlin geboren, hatte also bereits sein 84. Lebensjahr
vollendet. Zahlreiche bekannte Persönlichkeiten sind von
ihm gemalt worden. Die Nationalgalerie besitzt von seinen
Werken das Porträt des Ägyptologen Lepsius.

PERSONALIEN

Der bekannte Maler und Radierer Ferd. Schmutzer
wurde zum Professor der graphischen Künste an der
Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt.

Rom. Dr. Pietro d'Achiardi, welcher Prof. Ludwig
Seitz als wissenschaftlicher Berater zur Seite gestanden
hatte bei der Neuordnung der vatikanischen Galerie, hat
nach Prof. Seitz' Tode den Auftrag bekommen, die Neu-
ordnung zu beendigen.

X Elsa Oppler-Legband ist vom preußischen Kultus-
ministerium beauftragt worden, einen Fortbildungskursus
für geprüfte Lehrerinnen der Handarbeit an höheren Mäd-
chenschulen in Berlin zu leiten. Es handelt sich dabei
um eine durchgreifende Reform der weiblichen Hand-
arbeit, soweit sie in der Schule gelehrt wird, nach
neueren kunstgewerblichen Gesichtspunkten. Den Anstoß
dazu hat die Ausstellung des Kunstgewerbemuseums im
vergangenen Winter gegeben. Frau Oppler, der zum
Zweck dieses Kursus Räume in der Unterrichtsanstalt des
Kunstgewerbemuseums zur Verfügung gestellt worden
sind, ist zugleich zum Mitglied der Prüfungskommission
für Handarbeitslehrerinnen ernannt worden. Der Unter-
richt beginnt Mitte November. Es ist in Aussicht ge-
nommen, Fortbildungskurse für Handarbeitslehrerinnen an
Volksschulen folgen zu lassen.

WETTBEWERBE

Das Bibliographische Institut in Leipzig schreibt
vier Preise: 750, 500, 300 und 200 Mark für den Entwurf
eines Einbandes zu der in Vorbereitung befindlichen neuen
Auflage von Brehms Tierleben aus.

Als Resultat beim Wettbewerb für eine Kirche in
Schöneberg erhielten den ersten Preis Architekt K. E.
Bangert-Berlin, den zweiten Architekt J. W. Lehmann-
Hamburg, den dritten Architekt P. Berger in Friedenau.
Drei weitere Entwürfe wurden zum Ankauf empfohlen.

Die Preisträger derVillaMarmagliano für 1908/09.
Dem preußischen Kultusministerium hat, wie man sich er-
innert, der Berliner Maler Professor Klein-Chevalier seine
Florentiner Villa Marmagliano insoweit zur Verfügung ge-
stellt, als dort alljährlich besonders talentvollen Meister-
schülern der Düsseldorfer Akademie ein Studienaufenthalt
geboten werden sollte. Wie wir vernehmen, sendet die
Regierung für dieses Jahr die Maler Wolfgang Pagen-
stecher, Emil Frische und Hans Deicker-Sartorius nach
Florenz.

DENKMALPFLEGE

Ein nachahmenswertes Beispiel zur Erhaltung alter
Bauten hat die Hamburgische Regierung gegeben.
Den Bemühungen des »Vereins für Vierländer Kunst und
Heimatkunde«; und des Direktors Professor Dr. Justus
Brinckmann ist es gelungen, den Hamburger Staat zum
Ankauf der »Stadt Hamburg« in Bergedorf zu veranlassen.
Der Ankaufspreis beträgt 90000 Mark. Dieser Fachwerk-
bau ist ein wertvolles historisches Denkmal und für das
Straßenbild der alten Stadt von hoher Bedeutung.

Rom. Endlich ist der Wiederaufbau des Palazzetto
di Venezia, des alten Viridariums Pauls II. endgültig be-
schlossen worden. Der Bau wird in der alten Form wieder
aufgeführt werden anliegend an den großen Palazzo di
Venezia. Zu diesem Zwecke hat die italienische Regierung
dem österreichischen Botschafter das an Piazzo S. Marco
angrenzende Areal, von welchem alle Häuser schon ab-
getragen worden sind, übergeben.

Zu Leonardos Abendmahl in Mailand. Der um
die Kunstdenkmäler in Mailand und der Lombardei hoch
verdiente Architekt Luca Beltrami schreibt dieser Tage in
der römischen Zeitung Oiornale d'/talia über die Geschichte,
die Technik und die Erhaltung von Leonardos Abendmahl
im Kloster von Santa Maria delle Grazie. Er beweist auf
Grund von Dokumenten und alten Stichen, daß die Be-
hauptung, der Maler habe das Werk im Jahre 1499, als er
Mailand verließ, unfertig gelassen, in das Reich der Fabeln
zu setzen ist. In einem Rechnungsbuch vom Jahre 1497
steht die Anmerkung: per lavori facti in lo Refettorio dove
depinge Leonardo Ii Apostoli, und Fra Luca Pacioli be-
schreibt in seinem Buche De divina proportione eine Ver-
sammlung im Schlosse von Mailand vom 9. Februar 1498,
bei welcher Leonardo zugegen ist und als Autor seines
berühmtesten Gemäldes erwähnt wird. — Es ist also wohl
richtig anzunehmen, daß im Jahre 1497 das Werk fertig
war. Was den Beginn betrifft, so meint Beltrami an-
nehmen zu können, daß Leonardo sich schon vor 1496
daran machte. Lodovico il Moro war im Mai 1495 Herzog
von Mailand geworden und es ist also wahrscheinlich,
daß er kurz nachher den geliebten Künstler mit dem Auf-
trag bedacht habe, das Refektorium des von ihm besonders
bevorzugten Klosters delle Grazie zu schmücken. Wer sich
über die lange Zeit wundern sollte, die Leonardo an das
Werk wandte, bedenke, daß diese nicht der einzige Auf-
trag war, der ihn damals beschäftigte. Bandello, der den
Meister bei der Arbeit sah, gibt uns ein lebendiges Bild
von seiner Tätigkeit in der Zeit: »Z.a mattina a buon'ora,
schreibt er, a montare sul ponte e dal nascente sole sino
all'imbrunita sera non levarsi mai il pennello di mano . . .
e tuttavia dimorava talora una o due ore del giorno a sola-
mente contemplore, considerare, et esaminando tara si le sue
figuregiudicava. L'/io anco vedulo partirsi da mezzo giorno,
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