Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 28. 4. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunsfgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

LITERATUR

Grundziige der ästhetischen Farbenlehre. Von Dr.

Emil Utitz in Prag. Mit 4 Abbildungen und 2 Tabellen
im Text. Stuttgart, Verlag von Ferdinand Enke, 1908.
Seiner im dritten Jahrgange der Zeitschrift für Ästhetik
und allgemeine Kunstwissenschaft erschienenen Abhandlung:
»Kritische Vorbemerkungen zu einer ästhetischen Farben-
lehre« hat der Autor jetzt die »Grundzüge« folgen lassen,
in denen die Behandlung der Farbenprobleme in einem
größeren, das Gebiet allgemeiner umfassenden Rahmen
erreicht wird. Dabei geht er stets von dem psychologischen
Sinneseindrucke aus, den die Farben auf den Beschauer
ausüben, so daß sie lediglich »als Objekt unserer Gesichts-
anschauung, nicht aber als in Wirklichkeit bestehend er-
kannt werden.« Die Grenze zwischen einer ästhetischen
Farbenlehre und einer Farbentechnologie wird leicht ge-
zogen, weil die Ästhetik als reine philosophische Disziplin
sich nur mit der psychischen Forschung befaßt, während
die Schwierigkeiten nach der technologischen Seite im Be-
reiche der Chemie oder der Physik liegen.

Alle früheren Philosophen haben der Ästhetik der
farbigen Erscheinungen große Aufmerksamkeit geschenkt
insofern mit den verschiedenen Farben auch Gefühls-
empfindungen verbunden sind, die teils als angenehme,
freudige, oder unangenehme düstere, mühselige, dann
auch wieder als gleichgültige empfunden werden. Daß
hierbei Gedankenverbindungen eine große Rolle spielen,
kann nicht geleugnet werden: So z. B. wirkt das reine
Rot lebhaft, feurig, weil es an Blut oder Feuer erinnert,
während Blau, als ruhig und sanft, an den wolkenlosen
Himmel mahnt usw. Derartige Beobachtungen führen
zum Symbolismus der Farben, wie er sich bei allen Völkern
mehr oder weniger ausgebildet hat. Auch frühere Kunst-
schreiber berühren das Thema und behandeln es mit einer
gewissen Begeisterung; ich erinnere nur an Lomazzo, der
gewisse Farben »für das geistige Auge« als Zeichen der
Trauer, Langsamkeit, Tiefsinn, andere wieder als Sinnbild
der Lieblichkeit, Fröhlichkeit, Frische, Freude und Lust
erklärt. Im 16. Jahrhundert scheint diese Art der Farben-
ästhetik große Beliebtheit erlangt zu haben, denn in langen
Ausführungen bei Sicilio Araldo (1565) und Fulvio Pelle-
grino Morato (1547) werden z. B. die Farben der Kleidungs-
stücke auf ihre Bedeutung zum Charakter des Trägers oder
der Trägerin in Beziehung gebracht. Die Farben sprechen
also hier eine Art Sprache, wie etwa die Blumen. Es finden
demnach gewisse Assoziationen zwischen den Farbener-
scheinungen und den Gefühlseindrücken statt, die nicht
nur äußerer ästhetischer, sondern ebensowohl psychischer
Natur sein können. Der Autor widmet diesen Farben-
wirkungen ein besonderes Kapitel und behandelt neben
den Hauptfarben mit ihren Intensitätsunterschieden (Hellig-
keit, Sättigung und Qualität) auch die Farbenkombinationen

nach Paaren, Triaden und Intervallen. Er kommt u. a.
dabei nach den von ihm an einer Reihe von Versuchs-
personen vorgenommenen Beobachtungen zu dem Resul-
tat, daß »komplementäre Farbenverbindungen wohlgefällig
wirken.« Aber schon durch die Aufstellung der »kom-
plementären Farben« tritt er von dem Gebiete der reinen
Psychologie in das der physikalischen Optik über, denn
unter den Komplementärfarben versteht der Physiker jene
Paare von Farben, die, aus der Reihe der Spektralfarben
entnommen, mit einer zweiten, oder der Summe der
restierenden Farben sich zu Weiß summieren. Mit der
»Wohlgefälligkeit oder Mißfälligkeit« bestimmter Farben-
zusammenstellungen hat der Begriff der Komplementär-
farben im physikalischen Sinne keine Beziehung, man er-
kennt aber dennoch, daß der Ästhetiker, auch wenn er
geflissentlich der Newtonschen Lehre von der Teilbarkeit
des weißen Lichtes auszuweichen bestrebt ist, Konzessionen
machen muß. Die moderne Physiologie hat die von
Goethe in dessen vielbekämpfter Farbenlehre zuerst ein-
geführte Benennung »entgegengesetzte« oder »geforderte«
Farben für die Ergänzungs- oder Komplementärfarben
übernommen, weil letztere in der Tat von der Netzhaut
beim Ansehen jeder objektiven Farbe als Gegensatz ver-
langt werden. Diesen »physiologischen« Vorgang genauer
studiert zu haben ist das Verdienst von Helmholtz, Hering
und anderen. Sie gingen von der Erregbarkeit der Nerven-
fasern aus und insbesondere Hering begründete sein System
der Farbenpaare (Rot-Grün, Gelb-Blau) auf die Eigentüm-
lichkeit der perzeptiven Teile der Netzhaut, die aus einer
Schicht von Stäbchen und Zapfen besteht. Wenn nun
Utitz sich gegen Hering für das sog. Dreifarbensystem
(Rot-Blau-Gelb) entscheidet (S. 146), so vergißt er, daß
bei der physiologischen Farbenmischung ganz andere Ge-
setze gelten als bei der Mischung von objektiven Farben;
während die ersteren sich addieren, subtrahieren sich die
letzteren, d. h. Gelb und Blau mischen sich physiologisch
(als farbiges Licht) stets zu Weiß, während beide Farben
als Farbstoffe gemischt Grün ergeben. Auch in den Grund-
zügen einer ästhetischen Farbenlehre erwartet der Leser
Hinweise auf diese prinzipiellen Gegensätze.

Was Utitz in weiteren Kapiteln über Farben als Kunst-
mittel, über Beziehungen zwischen Ton, Klang und Wort,
also zwischen Musik und Malerei bringt, was er dann
über Farbe in der Malerei, Plastik, Architektur und ange-
wandten Kunst sowie über die ästhetische Beziehung des
Farbensinnes sagt, enthält ungemein viel des Trefflichen
und Beherzigenswerten, so daß diese Teile von allen jenen
mit Interesse gelesen werden, die mit moderner Kunst
und mit der neuen Richtung Fühlung haben. Als be-
sonderen Vorzug möchte ich noch die vielfachen Hinweise
auf die jüngste fachmännische Literatur erwähnen, die
manchem Leser erwünscht sein dürfte. e. b.
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