Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Eine vergessene Goldschmiedestadt.

wie mir Graf Beroldingen mitzuteilen die Güte
hatte, am Ende des 17. Jahrhunderts mit den
Bubenhofen verschwägert.

Sehr wichtig ist es, daß wir durch alle
diese Namen nicht weit von Straßburg weg-
geführt werden, denn ein Hinweis auf Straß-
burg thut bei diesem Becher sehr not. Wir
stehen hier nämlich vor dem einzigen mir be-
kaunten Fallst, wo das Meisterzeichen, obgleich
sehr deutlich eingeschlagen, sich auf der ent-
sprechenden Stempeltafel nicht nachweisen läßt,
während das Beschauzeichen ganz zweifellos das
Straßbnrger aus der Zeit um 1600 ist. Die
Nnsicherheit in diesem Falle ist um so mehr zu
bedauern, als dieser kleine Becher sowohl in
der Gesamterscheinung wie im Detail seiner
Profilirungen und der fein getriebenen Orna-
mente eine Meisterhand verrät.

Von diesem für uns namenlosen Künstler
gehen wir zu einem anderen, Nikolaus Riedinger,
zünftig 1609, über, von welchem uns zwci
Arbeiten verschiedenen Charakters erhalten sind>
Die eine fesselt uns durch ihre lebendige Er-
scheinung, die andere durch interessante Email-
technik. Erstere ist die in Weißsilber gehaltene
Fassung einer geschnittenen Kokosnuß (Ver-
zeichnis II. Nr. 3. — Fig. 7), welche die Jahres-
zahl 1611 trägt. Daß der Meister besonders
viel Sinn in die Verzierung seiner Arbeit
gelegt hat, kann man ihm nicht nachrühmen.
Am Deckel die Geschichte Christi, an deu Bügeln
christliche Tugenden und nnten heidnische

1) Seitdem dies niedergeschrieben ist, hat mir
Herr Baron Karl von Rothschild in der liberalsten
und entgegenkommendsten Weise gestattst, den Teil
seiner Sammlung, den er auf der Güntherburg be-
wahrt, eingehend zu studiren. Unter den ivunderbaren
Schätzsn dieser Sammlung befindet sich auch ein
Becher in schönster Frührenaissance (an die Entwürfe
von Brosamer erinnernd), mit Ornamenten im Stile
der Aldegreverschen. Er trägt, wenn ich die undeut-
liche Marke recht erkenne, das Beschauzeichen unserer
vierten Stempelperiode, die von 1534—1567 reicht.
Das dabei eingeschlagene Meisterzeichen ist in den
Stempeltafeln, welche mit 1545 beginnen, nicht zu
finden. Jst das Stück zwischen 1534 und 1545 ent-
standen, so hat es seine Richtigkeit, ist es aber nach
1545 gemacht, so wäre hier ein zweiter Fall, in wel-
chem die Stempeltafel die Auskunft über ein Meister-
zeichen versagt. Zwei andere Straßburger Arbeiten,
die ich in dieser Sammlung ksnnen gelernt habe,
konnte ich noch in die Verzeichnisse eintragen. Dieses
Stückes aber sei nur in dieser Anmerkung gedacht,
da ich noch nicht sicher bin, das Beschauzeichen richtig
gesehen zu haben.

Götter, alles aber ohne durchgehenden Ge-
dankengang mit willkürlicher Erweiterung oder
Beschränkung der üblichen Serien.

Das andere Stück scheint dem Beschauzeichen
nach ein bis zwei Jahr-
zehnte später entstanden
zu sein. Es ist ein kleines
emaillirtes Büchschen
(Verzeichuis II. Nr. 4),
dessen Gestalt und Orna-
mentik der Holzschnitt Mg ^ EmErt-s
Fignr 8 veranschanlicht. Buchschen, i? Jahrh.
Da Emailarbeiten meist wegen ihres gerin-
gen Edelmetallbestandes nicht gestempelt wor-
den sind, so ist es doppelt wichtig, ein solches
Stück anzumerken, das uns vielleicht zur Be-
stimmung anderer nicht gestempelter Straßburger
Emailarbeiten verhelfen kann. Die Farben, in
welchen es emaillirt ist, habe ich mir leider
s. Z. nicht notirt, und wer weiß, wo das
Stück, das ehemals im Besitze des Herrn Paul
in Hamburg war, durch die Auktion hinge-
raten ist; doch glaube ich mich erinnern zu
können, daß nur wenige nud lauter primäre
Farben daran Verwendung gefunden haben,
etwa gelb, grün und blau. Die Technik ist
außerdem nicht uninteressant, indem das ganze
Büchschen in vergoldetem Silber glatt gearbeitet
ist, auf den Flächen ist dann das Ornament, wie
eine Filigranarbeit ü-sonr behandelt, aufgesetzt.
Die Linien, die dasOrnament bildeu und auf un-
serer Zeichnung weiß erscheinen, sind mit Email
ausgefüllt und heben sich vortrefflich gegen den
tiefer liegenden Goldgrund ab. Jm Mnseum
sür Kunst und Gewerbe in Hamburg befindet
sich ein Kästchen derselben Technik und, wenn
ich nicht irre, derselben Farbenwirknng, aber
es ist weit älter als das vorliegende.

Während deS 17. Jahrhunderts scheint die
Straßburger Goldschmiedearbeit an Wert zu ver-
lieren und erst mit dem Beginne deS 18. Jahr-
hunderts treten vereinzelt Meister auf, die durch
den Anschluß an Frankreich angeregt den Stil
der Pariser Silberarbeiten acceptiren. So finden
wir von Jmlin, einem Manne, der die Silber-
kammern in München und Darmstadt versorgt
hat, beispielsweise eine schöne Terrine (Fig. 9),
im Besitze S. k. Hoheit des Großherzogs von
Hessen (Verzeichnis III. Nr. 3). Was im An-
fang des vorigen Jahrhunderts Jmlin für
Straßburg bedeutete, das ist auf der Scheide vom
vorigen zum gegenwärtigen Jahrhundert Kir-
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