Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Kunstgewerbeblatt. 2. Iahrgang.

Nr. ?.

Die Glasgemälde im Kreuzgange des Klofters Wettingen.

Von t). <L. v. Berlepsch.

Mit Illustrationen.

II

me ungleich größere Zahl von bedeuten-
deu Scheiben, die auch ihren Dimen-
sionen nnch nmfangreicher sind als die
vorigen, enthält die WS. Ilnter ihnen befinden
sich noch zum Teil die anno 1520 geschenkten
Standesscheiben, welche 1576 so arg mitgcnom-
men wurden.

WS. Nr. 1. Wappenscheibe ohne be-
sondere Bedeutung, gestiftet von Hans Jacob
Honegger von Brungarten der Zyt Schryber
des Wirdigcn Gotzhuß Wettingen. 1583. Ohne
Monogramm.

Nr. 2. Kabinetsstück. Wappenscheibe
der Escher von Glas von Zürich mit prachtig
komponirtem Schild samt Helm und Decke.
Die Randornamente sind von äußerster Zier-
lichkeit im Aufbau. Die Farben durchweg klar
und kräftig in der Wirknng. Jnschrift: Con-
ratt Escher, des Rats zu Zürich und Diser Zytt
Landtvogt zu Baden Jn Ergow 1570.

Nr. 3, datirt 1567. Oben Simson mit
dem Eselskinnbacken, rechts Delila. Schönes
Stück in bester Renaissance, mit Jnschrift:
Fridli Hässy von Glarns der Zytt Landtvogt
der Grafschaft Bade im Ergow.

Nr. 4. Offenbar nach einem Holzschnitt
hergestellt, zeigt diese Scheibe die Geschichte
der Esther und des Haman. Modellirung
grau in grau mit Anwendnng Iveniger, sehr
wirkungsvoller Farben. Die Seiten, ganz in
vollendeter Renaissance gehalten, gehen oben
in ein vollständig gotisches Motiv über. Über
der als „Aschwerus" bezeichneten Figur be-
sindet sich ein 8. Anßerdem die Jahreszahl
1520.

Nr. 5. Scheibe mit sehr gutem Wappen
von Citeanx (Stammkloster), Rapperswyl(Grün-
der) und Wettingen. Bez. Christoffel von
Gottes Gnaden abbte des Würdigen Gotzhnß
Wettingen 1566. Ohne Monogramm.

Nr. 6. Alte Standesscheibe Vvn llri

Kunstgewerbeblatt. n.

mit der Figur des heil. Martinus. Gehört zn
der Schenkung von 1520 nnd mag vielleicht
ein, zwei Jahre früher gemalt worden sein, da
sie ein originelles Gemisch von Gotik und
Renaissance aufweist. Ohne Monogramm.

Nr. 7. Decanns und gemeiner Convent
des wirdigen Gottshuß Krüzlingen 1566.
Hübsche, einfache Renaissanceumrahmnng. Ohne
Monogramm.

Nr. 8. Kaiser Heinrich mit dem Modell
des Baseler Münsters. (Siehe die Tafel.) Eine
äußerst schöne Scheibe, die indessen absolnt
nicht für den Raum komponirt ist, in welchem
sie angebracht wnrde, das geht aus der ganz
unmotivirten Durchschneidung der Architektnr
hervor. Anßerdem befindet sich in der Baseler
Handzeichnungssammlung (Handzeichnungssaal
Nr. 1) die entsprechende, weibl. Figur der an-
deren Seite, nämlich die Madonna mit dem
Kinde, dargestellt anf einem landschaftlichen
Hintergrunde, der an die Gegend von Luzern
erinnert. Das fehlende Mittelstück war viel-
leicht ein Wappen. Die Scheibe trägt nnn
zwar weder Datum, noch Monogramm. Aber
wir werden nicht weit neben das Ziel schießen,
wenn wir als den Urheber der Komposition
Hans Holbein d. I. bezeichnen nnd als ans-
sührenden Glasmaler den Namen Wanne-
wetschZ nennen, der wiederholt nach hol-
beinischen Visirnngen arbeitete und dabei ein
künstlerisches Gefühl für Farbenverteilung be-
kundete, das nnr der kurzen Blütezeit der
Renaissance, die sie in Deutschland vor dem
Eintreten des Barocco hatte, eigen ist: einfache
Behandlnng der Architektur durch Modellirnng

1) Prof. Mor. Heyns giebt an, daß dsr ersts
Glasmaler dieses Namens, Georg, von Eßlingen ge-
bürtig, 1554 in die Zunft aufgenommen worden sei.
Seins Nachkommen blieben bei dem Gewsrbe bis ins
18. Jahrhundert hinein; 172S nämlich wird der letzte
dieses Namens als Glasmaler aufgeführt.

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