Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Zwei Arbeiten des Matthäus Wallbamn.

von L. Nadisics von Rntas.

Die historische Abteilung der Ende Au-
gust v. I. eröfsneten ersten allgemeinen Kärntner
Landesausstellung in Klagenfurt bot unter
700 Nummern kaum ein halbes Dutzend Stücke,
die eine Reise dorthin gelohnt haben würden.
llm so wichtiger war aber diese beschränkte Zahl
Kuustgegenstände: namentlich die Paramente aus
dem Stift St. Paul, welche in ungenügen-
der Weise in den Mitteilnngen der k> k. Cen-
tralkommission publizirt sind. Jngleichen konnte
man bei dieser Gelegenheit feststellen, daß an
der ebenda (X, 107) publizirten Hierothek der
Grund der vier Medaillons an den Ecken des
Rahmens keineswegs blaues Email, sondern
Niello ist; allerdings nur eine Kleinigkeit, den-
noch wert, verzeichnet zu werden.

Übrigens ist unsere Absicht, für diesmal
zwei andere Gegenstände kirchlicher Kunst, die
unseres Wissens noch nicht beschrieben worden
sind: zwei Andachtsbilder oder Kußtafeln, Arbei-
ten des Meisters Matthäus Wallbaum von
Augsburg,eingehenderzu würdigen. Beide Stücke,
im Besitz des Grafen Thurn Valesarmia in
Bleiburg, haben ganz gleiche Form, so daß wir
uns auf die Beschreibung des einen beschränken,
bei der zweiten nur das Mittelstück iu Betracht
ziehen werden.

Beide Stücke (0,44 m hoch) bestehen aus
Ebenholz und sind mit gegossenen zum Teil ver-
goldeten Silberornamenten verziert. Der vier-
cckige Fuß, der aufsteigend sich zum Stiel ver-
jüngt, ist an den Ecken mit kleinen geflügelten
Engelsköpfchen, auf den vier glatten Seitenfeldern
mit Reliefplättchen, die 4 Evangelisten dar-
stellcnd, besetzt. Darüber sind Zieraten mit
Lilienspitzen angebracht. Sämtliche Ornamente
und Darstellungen wiederholen sich ganz genau

an dem kleiuen Triptychon von Wallbaum, im
ungarischen Nationalmuseum zu Budapest. Ein
ovaler Nodus unterbricht sodann den Stiel. Er
trägt auf der vorderen Seite eine aus Silber-
blech geschnittene Vase und ein daraus ent-
sprießendes Blumenbouquet. Etwas rsicher ist
der Rahmen des Bildes gestaltet, indeni darauf
freistehende, durchbrochene Silberarabesken mit
Blumen und allegorischen Figuren befestigt
sind, und zwar rechts 1?ortitncko, links rswxs-
rnntia; auf der darauf folgenden, ähnlich kom-
ponirten Bekrönung rechts die KsIiZio, links
cknstitia; endlich diese überragend die Gestalt
der lllläss. Zu ihren Füßen erblicken wir
außerdem die bekannte Allegorie des geflügelten
Amors, der seinen Fuß auf einem Totenschädel
gestützt, mit der Linken die zehn Gebote, mit
der Rechten ein Herz hält. Alle Figuren mit
Ausnahme des soeben erwähnten Amors stehen
vor durchbrochenen Nischen. Das von diesem
Rahmen umschlossene Mittelstück zeigt die heilige
Jungfrau mit dem Kinde auf der Mondsichel,
von sieben musizirenden Engeln umgeben, in
ziemlich flachem Relief aus einer Silberplatte
getrieben. Das Relief ist von mäßigem künst-
lerischen Wert; der Faltenwurf der Kleider
eckig, die Haltung der Maria steif und die Be-
handlung der Wolken konventionell; wie es denn
auch den übrigen Ornamenten, obzwar unge-
mein zart in der Gesamtwirkung, dennoch in
den Details an nötiger Feinheit gebricht*).

*) Es scheint, als ob diesss Motiv eine beliebte
Darstellung Wallbaums gewesen wäre, denn wir be-
gegnen ihr fast ohne Abweichungen auf der Kußtafel
des Münsters in Überlingen, welche im Werke: „Alte
kunstgewerbliche Arbeiten auf der Badischen Kunst-
und Kunstgewerbeausstellung zu Karlsruhe 1881" ab-
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