Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Aunstgewerbeblatt. 2. Iahrgang.

r7r. s.

AuS Polisch. Neuc Dekoratiousmotivc

Linfache Möbel der italienischen Nenaissance.

vc»i Iulius Lessiug.
blut Illustratianen.

Nnserc Scunmlungen kunstgewcrblicher
Altertnmer leidcn nnsnahmslos an dem Übel-
stand, daß ste aus vergangenen Epochen nur das
Luxusgerät enthalten, während das eigent-
liche Gebranchsgerät so gnt wie gar nicht
vertreten ist. Dieser Übelstand ist im grosien
nnd ganzen unvermeidlich. Zu allen Zeiten
hat man das schlichte Gebrauchsgerät vernntzt
oder bei wechselnder Mode verworfen; des
Aufbewahrens für wert hat man immer nnr
diejenigen Stücke gehalten, welche durch be-
sonderen Kunstfleiß zu etwas Außerordentlichem
gestaltet waren. Und wemt selbst durch Zufall
cin schlichteres Gerät sich bis anf nnsere Tage
erhalten hat, so läßt es der Händler und Auf-
käufer, welcher gierig nach jedem Bruchstück
reicher Ornamentik hascht, unbeachtet stehen,
nnd selbst die Museen müssen sich überlegen,
ob sie den kostbaren Ranm ihrer Palüste mit
Stücken vollstellen sollen, welche im einzelnen
nur wenig Bemerkenswertes zeigen

Sv besitzen die Museen schließlich nur
Prachtstücke, und diese werden behufs möglichster
Ausnutzung des kostbaren Raumes thnnlichst
eng zusammengestellt, so daß Wandfläche, Ein-
rahmung, davor gestellte Möbel und darauf ge-
stelltes Kleingerät ein farbenreiches Bild über-
guellender Pracht gewähren.

Die Folge dieses einseitigen Aufhäufens
von Luxusgerät in unseren Museen ist nun
eine völlig falsche Anschauung von der Er-
scheinungsweise nnd den Kunstansprüchen frü-
herer Perioden. Man denkt sich das Haus

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des sechzehnten Jahrhunderts gerade so über-
sättigt mit Kunstformen wie den Renaissance-
saal eines Museums, man bedenkt nicht, daß
die Leute doch schließlich nicht in einem Ranme
wohnen konnten, in dem jeder Winkel mit über-
flnssigen Zierstncken vollgestellt ist. Je mehr
die Einrichtung eines Museums scheinbar ge-
schlossene Zimmerausstattungen vorführt, um so
gefährlicher wird der Jrrtum, nnd das sehr
reizvolle Hotel Clnny in Paris, dem die Be-
lebung des malerischen Sinnes so viel verdankt,
hat gerade durch seine falschen nnd iiberfüllten
Zimmereinrichtungeu einen großen Teil dcr
fakschen Richtung auf dem Gewissen, welche sich
in der Überladung der modernen Zimmer in
mittelalterlichem oder Renaissance-Stil gefällt.

Auf keinem Gebiete machen sich die be-
regten Übelstände fühlbarer als bei den Möbeln.
Die Prachttruhe mit reicher Bildschnitzerei, das
Kabinett mit edlen Steineinlagen, der Tisch mit
Platten von Florentiner Mosaik, der Schrank
mit reichem Anfbau von Sänlen und Fignrcn,
der Chorstuhl mit Türmchen und Baldachinen,
das alles hat sich allenfalls im Ansehen zu er-
halten gewußt, aber niemand hatte sich die
Mühe gegeben, den einfachen Schemel, den
glatten Schreibtisch, kurz alle jene Möbel auf-
zubewahren, mit denen man eigentlich lebte
und unter denen die oben genannten doch nur
vereinzelte Ausnahmen waren.

Das Studium der Altertümer konnte an
der Hand der gleichzeitigen Bilder, auf denen
sich Zimmereinrichtungen fanden, allmählich zn

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