Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Die Kolonialausstellung in London.

Kunstgewerbeblatt I, S. 90) zum guten Teil
Venezianer Arbeiten zu sehen.

Die deutsche Kunst ist, da deutsche Quellen
(außer Doppelmeier) nicht zu Rate gezogen sind,
im eiuzelnen schlecht weggekommen; doch giebt
das Buch immerhin eine kurze Übersicht über
Geschichte und Entwickelung. Die Bedeutung der
deutschen (und böhmischen) Judustrie kommt
aber absolut nicht zur Geltung. Vortresflich

sind iu diesem Kapitel die in Nürnberg neu
hergestellten Abbildungeu. Jm Anhang: Eng-
land und China, sind dem Verfasser die neueren
Arbeiten gleichfalls unbekannt geblieben. Dic
Bedentung des Buches liegt für Deutschland
in dem Kapitel: 1-a ^ranos; das übrige be-
sitzen wir ausführlicher in unserer Litteratur
behandelt.

Die Kolonialausstellung in §ondon.

Julius Lessing veröffentlicht in der „National-
zeitung" einen sehr umfangreichen Bericht über die
am 4. Mai d. I. eröffnete Kolonialausstellung in
London. Wir entnshmen demselben folgende Ab-
schnitte, welche sür die Lessr unseres Blattes von
Jntereffe sind.

Die Ausstellung findet auf dem ständigen Aus-
stsllungsplatz Londons, in South Kensington statt,
zum Teil unter Benutzung von früheren Ausstellungen
noch vorhandener Bauten und Anlagen. Alls Ko-
lonien des brittischen Weltreiches haben die Aus-
stellung beschickt, jsde das ihrige an Natur- und
Kunstprodukten eingesandt.

Sehr wundersam berührt uns in den meisten
Kolonien der Zusammsnstoß von ursprünglicher Bar-
barei und kolossalen Überffusses an unverarbeiteten
Rohprodukten mit einzelnen Erzeugnissen verfeinerter
Luxusindustrie. Fast überallhin sind einzslne euro-
päische Handwerker ausgewandert, welche nun an-
fangen, dort in Neu-Süd-Wales oder in Neu-Seeland
nach ihren gswohnten Mustern Möbel, Wagen, Kir-
chenausstattungen, Metall- und Thonwaren zu fabri-
ziren, und während die Verwaltung der Kolonien
auf der einen Seite uns die Urbewohner des Landes
zeigt, schwarze struppige Kerls, kaum mit einem Stück
Fell bekleidst, in elsnden Hütten ihre Tiere halb roh
verspeisend, steht dicht daneben eine hochelegante, an
derselbsn Stelle hergerichtete Zimmereinrichtung, die
mit ihren stilvollen Formen in jedem Schaufenster
einer Londoner Straße prangen könnte, oder Kanzel
und Betstühle gotischen Stils, dis ohne weiteres in
eine Landkirche Englands vsrsetzt werden könnten,
und neben dsn Waffen dsr Eingsborenen, wslche mit
primitivsn, rohen, aber oft recht sinnreichen eingeritzten
und gekerbten Ornamenten versehen sind, prangsn
selbstbewußt die Arbeiten irgend einer Kunstschule,
welche an einer Stelle errichtet wurde, die vor dreißig
Jahren noch Urwald war, deren Schülsr jstzt mit
aller Harmlosigkeit die Palmetten Griechenlands und
die Kreuzblumen gotischer Kirchen nach ihren aus
England und Deutschland importirten Vorlagen nach-
zeichnen. Man hat mir gerade diese Arbeiten mit
Stolz gezeigt, man hat erwartet, daß ich mit Freude
und Bewunderung diesen Fortschritt der von uns
vertretenen Bestrebungen in fernen Weltteilen an-

staunen sollte. Jch wußte nicht recht, ob ich dazu
verpflichtet sei, aber jedenfalls ist es mir nicht leicht
geworden. Nur mit Angst und Bangen kann ich das
schrankenlose Verbreiten unseres alten Besitzes von
Kunstformen mit ansehen. Was soll daraus werden,
wenn schließlich die letzte entfernteste Ecks einsr neu
entdeckten Jnselgruppe bereits mit allen irgend wie
überlieferten Formen, mit allen Palmetten und Fialen
der alten Welt versehen wird, wenn dasjenige, was
ursprünglich für ganz besonders Stellen mit ganz be-
sonderer Hingabe an einen künstlerischen oder reli-
giösen Zweck geschaffen ist, mit einer derartig ent-
setzlichen Allgemsinheit verskäubt, zerstreut und ins
Millionenfache vervielfältigt wird! Es ist mir jetzt
in Deutschland schon immer ängstlich, daß man ksine
noch so entlegene kleins Landstadt betreten kann, ohne
wieder und immer wieder denselben Formenkram zu
finden. Jch mag immer noch nicht die Hoffnung
aufgeben, daß, wenn ich in irgend einen Winkel
von Westfalen oder Tirol hineingeriet, ich doch noch
hier oder da eine Spur selbständigsr Empfindung,
naiven Schaffens in Formen des Handwerks an-
treffen möchts; aber mit grausamer Regelmäßigkeit
wird immer und immer wieder diess Hoffnung ge-
täuscht. Das Einzige, was allenfalls noch übrig ge-
blieben ist, sind die Formen des Backwerks, das täg-
lich frisch hergestsllt werden muß und in dem sich
allerlei eigenartige Formen erhalten haben; sonst
überall, an jedem Schaufenster, in jeder Bude statt
selbständiger Arbeit dss Handwerks die Massenware
der großen Fabriksn, denen ein und derselbe Stempel
naturalistischer und stilvoller Behandlungsweise auf-
geprägt ist. Und wenn dieses Verallgemsinern der
Kunstformen nun über unsere alten Kulturländer, die
ja doch nur ein kleinsr Kern, doch nur ein winziger
Fleck auf der grotzen Karte dss Erdballs sind, hin-
ausgeht in alle Welt, wenn alles immer weiter sich
verflacht, immer weiter sich verdünnt, immer weiter
die selbständige Erfindung, das selbständige Können
lahm legt: was soll daraus werden? Die Formen,
welche England seinen Kolonien als Grundformen
zu Gebote stellt, sind in dissem Falle noch immer
günstiger, als was etwa Deutschland mit seinen
Renaissanceformen für einen gleichen Zweck leisten
würde. Jn England ist man für Möbel und Geräte
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