Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Aus: Oi'uaiueutsi' koi' Xor8lr 1i'9.68^a6i'6i'lLuii8t.

Die Aunst des Glasschneidens.

— i. Es hat Zeiten gegeben. in denen das Glas
ebenso an Materialwert wie in seinen verschiedenarti-
gen Gestalten als Prunkgefäß, Trinkgeschirr u. s. w.
höher geschätzt wurde als das Gold, und wo ein
derartiger Gegenstand für ein königliches Geschenk
galt. DasSchneiden des Glases,welchem diese Betrach-
tung gilt, ist ein Zweig der Kunst des Edelstein-
schneidens, die bereits in frühen Kulturperioden
vielfach eine hohe Stufe der Vollendung erreicht hat.
Zur griechischsn und römischen Zeit, wo ja alle Zweige
der Glyptik außerordentlich gefördert wurden, hat
auch die Kunst des Glasschneidens ihren Höhepunkt
erreicht, und der spätklassischsn Periode haben wir
wohl die vollendetsten Werke dieser Kunst zu ver-
danken. Für die Zwecke des Schneidens wurden
mehrfarbige Gläser meistsns den einfarbigen vor-
gezogen und gegenwärtig wird am häufigsten er-
habener Schnitt in einer oder mehreren Farben auf
andersfarbigem Grunde ausgeführt. Die Engländer
waren die ersten, welche in nsuerer Zeit, angeregt
durch den Jmport geschnittener Glasarbeiten aus
China, diese Art der Kunstübung wieder in Aufnahme
gebracht haben. Das Verfahren beim erhabenen
Schnitt eines Gefäßes läßt sich am lsichtesten nach
Vorausschickung einiger Worte über die Herstellung
des Gefäßes selbst bsschreiben, welche die nämliche ist,
ob dasselbe aus nur zwei oder aus mehreren farbi-
gen Lagsn über einander bssteht. Die Hauptbedingung
ist eine Zusammensetzung der verschiedenen farbigen
Gläser, welche ihre völlig gleichmäßige Ausdehnung,
bezw. Zusammenziehung sichert. Es wird alsdann das
Doppelgefäß in der Weise hergestellt, daß das erste
an der Pfeife in gewöhnlicher Art hohl geblasen, ab-
geschnitten und hiernach das zweite noch heiß und
weich in das erste hineingeblasen wird, wobei sich die
Wandungen sofort an einander schließen. Wird diese
Manipulation sorgfältig und geschickt ausgeführt, so
blsibt keine Luft zwischen den bsidsn Glasschichten
und es können nicht in weiterem Verfolg des Ver-
fahrens verborgene Luftblasen die eigentliche Arbeit
des Schneidens zu einer vergeblichen machen. Die
nunmehr fest aneinander gefügten Gläser werden jetzt
aufs neue erwärmt, noch so viel wie erforderlich
weiter geblasen, erhalten mit Auftreibschere und
Zange ihre definitive Form sowie den Rand und ge-
langen dann in den Kühlofen. Hiernach gelangt das
Gefäß in die Hand des Glasschneiders. Soll das-

selbe eine figürliche Darstellung erhalten, so wird
diese in der Regel in Wachs modellirt, bevor man
an die Bearbeitung mit Säure, Rad und Stahlstift
geht; man kann die Zeichnung mit Bleistift skizziren
und zu diesem Zwecke die Oberfläche des Gefäßes
durch Eintauchen in Flußsäure ein wenig rauhen; dann
werden die Umrisse mit einer Reservage bedeckt, die
Öffnung des Gefäßes gut verwahrt und dasselbe
längere Zeit in Säure gebracht. Da die äußere Lage
des Glases überall vollkommen gleich stark ist, so muß
das Gefäß wiederholt in die Säure gebracht werden,
bis der Untergrund überall hervortritt. Dies ge-
schieht selten durchaus rein und srei von Spuren der
oberen Farbenschicht, welche dann beim Schneiden be-
seitigt werden müssen. Blätter und Blumen werden
auf der Drehbank vorgearbeitet, was — selbst bei
einem einfachen Muster — oft Wochen und Monate in
Anspruch nimmt. Eine solche Drehbank hat die gleiche
Konstruktion wie die der Edelsteinschleifer, nur ist sie
selbst, sowie ihre kupfernen Räder, größer. Auch die
zur Verwsndung kommenden stählernen Schneid-
instrumente sind die nämlichen; dieselbsn mllssen aus
sorgfältig gshärtetem Stahl hergestellt sein und sehr
scharf und in gutem Zustande erhalten werden, da
anderenfalls die Arbeit leicht inkorrekt wird. Kleine
Mängel kommsn, trotz aller Aufmerksamkeit, zuweilen
vor und erfordern zu ihrer Verdeckung eine bedeutende
Geschicklichkeit des Arbeiters. Nach Beendigung der
Arbeit mit Rad und Stichel wird das Gefäß zuweilen
noch in Säure getaucht, welche der Oberfläche einen
gleichmäßigen Ton giebt; oft absr schädigt diese Ope-
ration die Schärfe des Musters und in jedem Falle
ist sie dazu angethan, das Charakteristische einer
jeden künstlerischen Handarbeit zu verwischen. Der
gefchilderte Prozeß erfordert nicht allein Sorgfalt,
sondern auch sehr viel Geduld, und es vergehen zu-
weilsn Jahre über der Vollendung einer größeren
Arbeit. Zweifellos waren die Bedingungsn für die
Hsrstellung wirklich guten Glasschnitts in römischer
Zeit günstigere, als sie es heute sind. Der ganze
moderne Handelsgeist und Handelsbetrieb mit ihrer
Hast haben dahin geführt, den gesamten Steinschnitt
und mit ihm den Glasschnitt zu vulgarisirsn, und
aus der gleichen Veranlassung, vielleicht auch aus
einem Mangel an wahrer Würdigung der Kunst
stehen dis gegenwärtigen Glasfabrikanten in der Her-
stellung von Überfangglas, was harmonische und für
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