Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Kunstgewerbliches aus München.

kann jetzt fabrikmäßig und mit den anderen
farbigen Glasuren in demselben Ofen gebrannt
werden. An einigen Porzellanen findet sich
das Kupferoxydul als rote Unterglasurfarbe
zugleich mit anderen Farben verwendet. An
dieses chinesische Rot, welches auch mit Relief-
email dekorirt ausgestellt ist, knüpften sich bei
der Erfindung große Hoffnungen, die sich leider
nicht erfüllt haben. Jnzwischen hat man die
Fabrikation auch in Sdvres erfunden, aber
das Publikum bringt der Farbe wenig Sym-
pathie entgegen. Jn größerem Maßstabe ist
das Segerporzellau zur Herstellung farbiger
Fliesen unter Benutzung einer der oben ange-
führten Techniken angewendet. Die ausgeftellten
Probcn zeigen, daß man die vielfachen tech-
uischen Schwierigkeiten, welche sich der Her-
stellung von Porzellanfliesen entgegenstellten,
. so zienilich überwunden hat: die Muster be-
dürfen dagegen noch erheblicher Verbesserung.

Es ist berechtigt, wenn mau an die Leistnngen
eines so großen öffentlichen Jnstituts einen
höheren Maßstab angelegt als an die Erzeug-
nisse einer Privatfabrik. Es ist andererseits
erklürlich, daß nach kurzer Zeit erneuter leben-
diger Thätigkeit in eiuer Jahrzehnte lang sta-
gnirenden Fabrik nicht gleich alles wieder auf
der alten Höhe stehen kann uud sich mancher
Versuch und Anlauf, der gemacht wird, später
als nicht stichhaltig und crgiebig erweisen
wird. Man wird vernünftigerweise nicht
jedes Jahr eine neue Entdeckung erwarten,
sondern sich der weiteren Verfolgung und Siche-
rnng gewounener Resultate freuen. Tritt man
niit dieser Überzeugung unbefangen an die Ar-
beiten der Manufaktur heran, deren Resultate
in dieser Ausstellung vereint sind, so wird man
zugeben müssen, daß hier eine lebhafte ernste

Thätigkeit herrscht, die unbekümmert um die
augenblickliche Mode hohen Zielen zustrebt; man
wird ferner zugestehen, daß auf gewissen Ge-
bieten schon sehr Erhebliches geleistet wird,
Einzelnes geradezu vollendet ist. Notwendig ist
sür diese Art der Beurteilung allerdings, daß
man sieht, was da ist — nicht bloß vermißt,
was noch sehlt. Daß Experimente Geld kosten,
weiß jeder vernünftige Mensch; sobald durch
dieselben etwas gewonnen wird, wie hier, so
schadet es nicht, wenn die Kosten im Anfang
höher sind als die Einnahmen.

Allerdings ist die königl. Manufaktur jetzt
noch auf Einnahmen angewiesen: man verlangt
von ihr höchste künstlerische Leistungen und
gute Verkaufsware. Ob sich dieser Standpunkt
auf die Dauer wird halten lassen, soll hier
nicht erörtert werden. Wohl aber darf man
fragen, ob jetzt, da die Arbeiten der Manu-
saktur dazu eine Berechtigung geben, die Zeit
noch nicht gekommen ist, derselben seitens des
Staats größere Aufträge behufs Ausschmückung
der Staats- und sonstigen öffentlichen Gebäude
zu überweisen; mit andereu Worten: die Her-
stellung der Verkaufsware einzuschränken und
mehr vollendet künstlerische Arbeiten herzustellen,
wie in Sövres. Der preußische Staat, desscu
Budget ungefähr eine Milliarde beträgt, kann
sich den Luxus einer derartigen Manufaktur
— Frankreich besitzt deren drei — schon ge-
statten: der öffentliche Kunstfonds ist obenhin
unbedeutend genug. Uud in der inneren Aus-
stattung der Ministerhotels, der Gesandtschaften
Universitäten, Museen rc. ist noch mancher
Platz auszufüllen, wozu die königl. Porzellan-
manufaktur recht gut in gleicher Weise heran-
gezogen werden könnte wie Sövres. Hoffen wir
daß diese Zeit bei uns nicht mehr fern ist.

Kunstgewerbliches aus München.

Von H. E. von Berlepsch.

Gelegentlich der Beschauung neuer Publi-
kationen auf dem Gebiete des Kunstgewerbes
kani mir kürzlich — ich wurde durch Herrn
Prof. v. Lützow auf das Werk aufmerksam ge-
macht — das zweibändige Wcrk eines Fran-
zosen (Carrier-Belleuse) unter die Hand, be-
titelt: „ll'apxlieution äs ÜAnrs llnmains

anx nrts ääooratiss st inänstrisls". Blatt
um Blatt weist originelle Entwürfe auf, und
was mich am meisten daran freute, war das
absolut eigentümliche Fußen dieser höchst künst-
lerisch empfundenen Zeichnungen auf einem
Grund und Boden, den der Autor sich selbst
geschasfen hat. Nirgends treten einem da
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