Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

Page: 3
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1890/0008
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Aus einem japanischen Musterbuche (Paul Bette No. 7).

NORDBOHMISCHE KUNSTINDUSTRIEN.

Von ALBER1 HOFilANN, Beichenberg.
IV.

DIE NORDBÖHMISCHE HOHLGLASINDUSTRIE.



w

^^\

m

(Zj*



h











^S?*ä

atürliche Verhältnisse haben die
nordböhmische Hohlglasindustrie
geschaffen, eine Industrie, welche
im Laufe der Jahrhunderte das
geworden ist, was sie heute noch
ist: eine Industrie des Weltmarktes.
„Nichts anderes hat den Namen Böhmens so weit
in die Welt getragen, wie sein Glas" (Schebek).
Einerseits Sterilität des Bodens, daher Mangel an
Landwirtschaft, anderseits Waldreichtum und eine
Fülle von Naturprodukten, welche die Natur in seinen
Gebirgen niedergelegt hat; das waren die Verhält-
nisse, unter welchen sich diese mächtigste der öster-
reichischen Industrien entwickelte. Ein Bericht zahl-
reicher Handelsleute aus den Orten „Hayda, Langenau,
Blottendorf, Steinschönau, Pärchen" etc. an Kaiser
Franz IL im Jahre 1804, welche dem Herrscher anläss-
lich seiner Bereisung des Königreichs Böhmen „eine
kurze Uebersicht von dem Ursprünge, Wachstume
und dermaligen Beschaffenheit der hiesigen Glas-
handlung ins Ausland, von den hieraus dem Staate
entspringenden Vorteilen, wie auch von dieser Wohl-
standsquelle dermalen entgegenstehenden Hinder-
nissen" geben will, schildert die Entstehung der
nordböhmischen Glasindustrie mit folgenden Worten:
„Gleichwie viele Künste und Wissenschaften, der
Not und dem Mangel ihren Ursprung zu danken
haben, so leitet auch die hiesige Glasfabrikation,
Raffinirungskunst und Handlung ihre Entstehung
aus diesen Quellen. Kunst und Handlung lagen in
dieser Gegend noch tief im Schlafe, die ganze Gegend
war mit Holz bedeckt und man erblickte nur hier und
da kleine Strecken, welche der Fleiss der Ansiedler

von dem Gehölze gereinigt, um darauf der Erde die
zu dem Unterhalte der armen Bewohner notwen-
digen Früchte abzuzwingen. Stiefmütterlich lohnte
das Erdreich unter diesem kalten Klima den Schweiss
der Arbeiter, spendete aber desto reichlicher das
Holz auf den höchsten Gebirgen wie in den tiefsten
Thälern. Dieser Uberfluss an Holz und die täglich
anwachsende Bevölkerung, verbunden mit dem
Mangel an fruchtbaren Ackern, zwangen nun diese
Gebirgsbewohner, auf andere Erwerbungsarten ihre
Aufmerksamkeit zu richten. Es wurden Glasfabriken
errichtet, eine Erfindung, die zu damaliger Zeit als
die einzige in dieser Gegend, eine ansehnliche Menge
Menschen vor Mangel an Beschäftigung und Erwerb
schützte, weil alle Lebensbedürfnisse in äusserst ge-
ringem Preise standen und nicht so vervielfältigt
waren, wie sie es in diesem Jahrhundert sind."
Reiche Vorräte reinsten Quarzes, ausgiebige Stein-
kohlen- und Torflager in den Grenzgegenden, sowie
der durch die Sterilität des Bodens für Ackerbau
relativ niedrige Arbeitslohn lassen Nordböhmen mit
anderen Ländern, welche eine bedeutende Glasin-
dustrie besitzen, mit Frankreich, Italien, England,
Russland und Nordamerika vorteilhaft konkurriren.
Nicht die geringste Rolle spielt hierbei die Intelli-
genz des Arbeiters.

Infolge dieser natürlichen Verhältnisse reicht
die böhmische Hohlglasindustrie denn auch bis in
ein hohes Alter hinauf. Die ersten Spuren einer
böhmischen Glasfabrikation gehen auf den An-
fang des 11. Jahrhunderts zurück. Günther, ein
deutscher Edelmann aus thüringischem Geschlechte,
liess sich 1008 am schwarzen Regen nieder und ent-
loading ...