Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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DER GOLDSCHMIEDE MERKZEICHEN.

so mehr, als wir bereits früher an dieser Stelle An-
lass genommen hatten, auf das grosse Verdienst
des Werkes für den Künstler sowohl wie für For-
scher eindringlich hinzuweisen. Die Abbildungen,

welche diesen Zeilen eingedruckt sind, geben von
der geschmackvollen Sorgsamkeit der Aufnahmen
eine bessere Vorstellung, als lobende Worte es ver-
möchten. R. GRAUL.

Masken vom Weinhaus in Zütphen. Aus Ewerüecks Renaissance in Belgien und Holland. (Verkleinert.)

DER GOLDSCHMIEDE MERKZEICHEN.

AS Buch von Boxenberg '). seit
Jahren erwartet und nun in statt-
lichster Form vor uns liegend,
bezeichnet einen wichtigen Ab-
schnitt in unserer Kenntnis vater-
ländischer Kunst. Das Gebiet des
Buches geht allerdings weit über Deutschland hinaus,
es giebt in umfassender Weise die Erklärung von
mehr als 2000 „Merkzeichen" jener als Silberstempel
oder Silbermarken bekannten Zeichen aus der Gold-
schmiedearbeit aller Kulturländer, aber als sein be-
deutsamstes und wahrhaft glänzendes Ergebnis haben
wir doch zu betrachten, dass es im Anschluss an die
verbürgten Zeichen den Anteil deutschen Handwerk-
fleisses an der Arbeit in Edelmetall im weitesten
Umfange feststellt.

Wir alle wissen, wie langsam sich selbst in den
Kreisen der Sammler und Fachmänner die Erkennt-
nis von der Eigenart der heimischen Kleinkunst zur
Zeit der Renaissance Bahn gebrochen hat. Bis zur
Mitte unseres Jahrhunderts suchte man die beson-
deren Lebensäusserungen deutschen Geistes lediglich
in der kirchlichen Kunst des Mittelalters, an welche
man die Meister der Reformationszeit, Dürer und
Holbein, nur eben noch anzureihen sich erlaubte.
Schliesst doch auch Lotz noch im Jahre 1862 seine

1) Marc Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen.

gr 8. 5S2 Seiten. Frankfurt a. M.. Keller.

Kunsttopographie Deutschlands mit dieser Periode
ab. Was diesseits derselben lag, galt als ein Ab-
glanz italienischer Kunstweise, nicht würdig ernst-
hafter Betrachtung. Die nationale Bewegung seit
dem Jahre 1870 hat der allgemeinen Wertschätz-
ung der deutschen Renaissance und Folgezeit zu
glänzendem moralischem Siege verholfen, 'aber der
freundlichen Gesinnung fehlte die Unterlage wissen-
schaftlicher Erkenntnis. Innerhalb der Architektur
war der Besitzstand verhältnismässig klar, innerhalb
der Kleinkunst war der Umstand, dass ein Gerät
sich in deutschem Besitz befand, keineswegs ent-
scheidend für seine Herkunft. In der Architektur
hat der Lokalpatriotismus eher zu viel für heimische
Meister in Anspruch genommen, so dass die For-
schung mancherlei den vom Auslande herberufeneu
fremden Meistern wieder gutzuschreiben hat; bei
den Besitzern der kleinen Kunstwerke haftete da-
gegen merkwürdig lange, ja zum Teil bis in unsere
Tage hinein, die alte Vorstellung, dass eine Arbeit
italienischer oder französischer Herkunft wertvoller
sein müsse als eine deutsche, und man konnte sich
nur schwer zu dem Zugeständnis entschliessen, dass
ein Kruzifix nicht von Michelangelo, eine silberne
Schüssel, eine Prunkrüstung nicht von Benvenuto
Cellini sein solle. Wenn wir auch darüber unter-
richtet waren, dass gerade zur Zeit Cellini's der
liuhni deutscher Goldschmiede und Waffenschmiede
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