Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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Entworfen von F. Paukekt.

NORDBÖHMISCHE KUNSTINDUSTRIEN,

Von ALBERT HOFMANN, Iteichenberg.

IV.
DIE NORDBÖHMISCHE HOHLGLASINDUSTRIE.

(Schluss.)

M 16. und 17. Jahrhundert nahmen
sich die Adligen sehr der Glas-
hütten an, um aus ihren bedeuten-
den Waldungen grösseren Nutzen
zu ziehen und dann, weil die
Glasindustrie überhaupt einen
höheren Gewinn abwarf, wie die Bodenkultur. So
bildete der ganze, hinter Gablonz gelegene Teil der
Herrschaft Kleinskal noch einen einheitlichen grossen
Waldkomplex, in welchem die heutigen blühenden
Ortschaften Grünwald, Johannesberg, Wiesenthal
und Morchenstern noch nicht bestanden. Es scheint,
dass zwischen 1543 und 1547 von Adam von Warten-
berg die ersten Schritte unternommen worden waren,
diese Gegend durch Besiedelung mit Glashütten
einer grösseren Fruktifizirung entgegenzuführen. Die
erste dieser Hütten, zugleich die erste des ganzen
Iser- und Riesengebirges, war die zu Grünwald, „im
grünen Wald"; die Arbeiter der Hütte scheinen
Deutsche aus der Gegend von Haida gewesen zu
sein. Diese Annahme liegt um so näher, als die
Wartenberge in der Gegend von Haida grosse Be-
sitzungen hatten. (Die Herrschaften Böhmisch-Leipa,
Kamnitz u. s. w.) Da auch noch die Institution der
Leibeigenschaft in vollem Masse bestand, so war
eine Überweisung von Arbeitern von Verwandten
leicht zu bewirken. Die spätere Einwanderung aus-
ländischer Arbeiter ist nicht ausgeschlossen. Die
von der Grünwalder Hütte beschäftigten Glasraffi-
neure, die Glasschleifer, Glasmaler und Glasschneider
wohnten in Gablonz, da die Grünwalder Hütte ohne
jede weitere Ansiedelung war. (Adolf Benda, Ge-
schichte der Stadt Gablonz und ihrer Umgebung.
Kuastgowerbeblatt. N. F. I.

Gablonz, 1877. S. 32 ff.) „Nach dem Jahre 1547
kann die Errichtung der Grünwalder Glashütte —
von Wartenbergern wenigstens — wohl deshalb
nicht erfolgt sein, weil in dem genannten Jahre die
dem Adam von Wartenberg gehörenden Güter Klein-
skal, Rohozec, Friedstein und Böhmisch-Aicha kon-
fiszirt wurden wegen Beteiligung ihres Besitzers an
dem Aufstande der protestantischen Stände wider
König Ferdinand I. Der protestantische Adel Böh-
mens hatte sich im Vereine mit den Städtebürgern
1547 erhoben, um in Verbindung mit dem deutschen
Fürsten Johann Friedrich von Sachsen eine grössere
Unabhängigkeit und freiere Religionsübung zu er-
langen. Dieser Fürst wurde aber in der Schlacht
bei Mühlberg (24. April 1547) geschlagen und ge-
fangen, worauf auch das böhmische Rebellenheer
auseinanderlief. Bei dem dann vorgenommenen Straf-
gerichte war Adam von Wartenberg einer der 31
Edelleute, welche mit Güterkonfiskation, Geld- und
Gefängnisstrafen belegt wurden." (Benda, 1. c. S. 34.)
Eine schwere Schädigung für das böhmische
Industrieleben brachten die langen Wirren des 30 jäh-
rigen Krieges. Böhmen hatte das Unglück, ein Haupt-
schauplatz der kriegerischen Wirren zu werden. Die
gänzliche Absorption sowohl an materiellen Mitteln
wie an Arbeitskräften brachte nicht nur für die
Dauer des Krieges eine völlige Stagnation hervor,
sondern erzeugte noch auf lange Zeit hinaus eine
völlige Lähmung des Industrielebens. Hierzu trug
auch nicht zum geringsten Teile die Gegenreforma-
tion bei, durch welche die intelligentesten Kaufleute
und die geschicktesten Handwerker vertrieben wurden.
Eine Einwanderung neuer Kräfte aus dem protestan-

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