Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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Durchbrochene Füllung, Holzschnitzerei.

AUS DEM KUNSTGEWERBEMUSEUM ZU KÖLN.

VON ABTHUB PABST.
I. Gotische Holzschnitzereien.

AS Kölner Kunstgewerbemuseum
erwarb im vorigen Jahre eine grös-
sere Sammlung von Holzschnitze-
reien, welche zusammen mit dem
aus dem Wallraf-Richartz-Museum
überkommenenen Besitz, Einzeler-
werbungen und Schenkungen die Abteilung auf eine
bedeutende Höhe, sowohl der Zahl als vor allem
der Qualität nach, gebracht haben. Der Bedarf an
guten Vorbildern für Holzbildhauer ist beträchtlich
und ebenso gross der Mangel an wirklich muster-
gültigen alten Resten. Manche sonst gut ausgestattete
Museen leiden gerade an Holz erheblichen Mangel
und die Zeit ist nicht mehr fern, wo Holzschnitze-
reien zu den teuersten Objekten des Kunsthandels
zählen dürften. Dazu kommt die seit langem schwung-
haft betriebene und oft meisterhaft durchgeführte
Fälschung: nicht bloss Schränke werden mit alten
Füllungen und neuem Rahmen werk gebaut, auch
mit neuen Füllungen in neuem Rahmenwerk gehen
sie als alte rheinische Schränke in die Welt und
alte Füllungen am Rhein neuerdings gefertigt giebt
es in Hülle und Fülle. Auch hier giebt es Museen,
die sich ganzer Sammlungen derartiger Fälschungen
erfreuen, meist aus „erster" Hand erworben oder auf
bekannten Auktionen erstanden. Mangel an falschen
Möbeln und Holzschnitzereien wird daher so bald
noch nicht eintreten: aber an guten alten Stücken
besteht er bereits.

Gerade die deutschen Holzschnitzereien sind für
Schulen und Holzschnitzanstalten mehr wie z. B.

italienische und französische Arbeiten als muster-
gültige Vorbilder von Wert. Während diese ihre
ornamentalen Formen der Steinarchitektur entlehnen,
erscheint in den deutschen Holzschnitzereien, vor-
nehmlich der gotischen Zeit das Zierwerk ureigent-
lich aus der Technik erwachsen und in diesem Sinne
ausgestaltet. Auch da, wo in der deutschen Gotik
— vor allem bei den Möbeln kirchlicher Bestim-
mung und in den Masswerkfüllungen — die Stein-
formen Eingang gefunden haben, sind sie stets mit
Rücksicht auf die Technik der Schnitzerei umge-
staltet verwendet worden. Besonders die Masswerk-
füllungen sind hier lehrreich; indem man mit dem
eigentlichen Stabwerk der unteren Partien — bei
der Fensterbildung in Stein als struktive Teile un-
entbehrlich — in Holz nichts Rechtes anzufangen
wusste, gestaltete man es kleiner, so dass das Mass-
werk oft in gar keinem Verhältnis dazu steht; ja
gelegentlich schrumpfen die Stäbe ganz zusammen
(S. 113) und sind gewissermassen nur noch ange-
deutet. Auch da, wo ganze architektonische Auf-
bauten in das Holz übersetzt werden, sind sich die
alten Holzschnitzer des durch das Material bedingten
Unterschiedes in der Behandlung dieser Formen wohl
bewusst. Die köstliche Gestühlwange mit dem Kölner
Wappen (S. 114) ist dafür ein bezeichnendes Bei-
spiel. Die Wange — mag sie einem Kirchengestühl,
etwa der Ratskap.elle oder den Sitzen im Rathaus
angehört haben — bildete jedenfalls den seitlichen
äusseren Abschluss einer Sitzreihe. Der krönende
Fialenschmuck an der der Wand zugekehrten Seite
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