Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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ÜBER KUNSTGEWERBEMUSEEN.

VON ALBER1 EOFMANN-IiEWIlENBERO.

AS merkwürdige Buch: „ Rembrandt
als Erzieher",') das mit seinem
geistvollen, oft blendenden, oft pa-
radoxen und oft auch sich wider-
sprechenden Inhalte den Sieges-
lauf durch die geistige deutsche
Kulturwelt gehalten hat, muss auch an dieser Stelle
erwähnt werden. Sein Verfasser sagt S. 16 ff: .Es
giebt ein eigentümliches Gesetz der Geschichte, dass
die Dinge sich mit der Zeit in ihr Gegenteil verkehren:
man sieht es an der katholischen Kirche, deren
prunkvolle Hierarchie sehr wenig dem Sinne Christi
entspricht; man sieht es an den deutschen Gymna-
sien, welche das gerade Gegenteil von den griechi-
schen Gymnasien sind; man sieht es nicht zum
wenigsten an den heutigen Museen, welche auf den
Namen der Musen gegründet, sich deren Dienste
doch vielfach hinderlich erweisen. Denn die Musen
sind, wohl zu merken, die Vertreterinnen der schöpfe-
rischen, nicht registrirenden Geistesrichtung; gerade
jene aber werden durch die heute herrschende Mu-
seenwut in den Hintergrund gedrängt: lucus a non
lucendo. Museen enthalten Dinge, welche aus ihrem
organischen Zusammenhange gerissen sind; in der
Kunst ist der organische Zusammenhang aber alles;
auch die vollkommenste Sammlung von menschlichen
Augen, in Spiritus gesetzt, kann nicht den ganzen
Menschen ersetzen.

Jener kürzlich verstorbene Gesandte einer euro-
päischen Grossmacht, welcher sich eine Sammlung
von Barbierbecken aller Zeiten angelegt hatte, war

1) Von einem Deutschen. 11. Aufl. Leipzig, C. L. Ilirechfeld.

nicht viel klüger als Don Quijote, welcher das seine
auf dem Kopfe trug; Barbierbecken gehören ins
Barbierhaus, Augen in den menschlichen Kopf und
Bilder in die Kirchen, Staat-sgebäude oder l'rivaf-
hanser! Verwende man daher nicht allzuviel Neigung
und Kosten auf jene methodisch geordneten Rumpel-
kammern; lieber schmücke man das eigene Heim
und das eigene Leben, nach heutigen Bedürfnissen,
künstlerisch aus. Dies wirkt weit bildender, als der
Besuch eines Museums, in dem jeder einzelne Gegen-
stand den andern und die Gesamtheit der Gegen-
stände oft den Besucher tot schlägt.

Wie die politische, so hat auch die künstlerische
Freizügigkeit ihre Schattenseiten; sie führt dazu, dass
schliesslich nichts an seinem Platze, in seiner ge-
bührenden Umgebung, in seiner Heimat bleibt: das
Kunstwerk wird heimatlos, das Schlimmste, was ihm
passiren kann. Dem sollte möglichst entgegenge-
wirkt werden.

Die übliche Aufstellung in den Museen, nach
Rubriken, ist direkt kunstwidrig; denn ein einzelner
Gegenstand kann nur künstlerisch wirken, wenn er
sich einem grösseren Ganzen ein- und unterordnet;
davon ist bei jener Art von Anordnung keine Rede,

Ein Kunstwerk ist wie das einzelne Wort einer
Sprache; es hat nur Wert durch den Zusammen-
hang, in welchem es jeweilig steht; in dieser Hin
sieht gleichen unsere Museen Wörterbuchern, welche
die Worte zusammenhanglos an der Schnur auf-
reihen; solche Konglomerate sind zwar gut zum
Nachschlagen; aber durch Nachschlagen in Wörter-
büchern hat noch niemand den Geist und das Wesent-
liche einer Sprache erlernt. Es gehört sehr viel
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