Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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HEIMBACHER STÜHLE.

genommen hat. Noch im ersten Drittel unseres
Jahrhunderte erschienen, wie mir in Krefeld mitge-
teilt wurde, zur Kirmesszeit grosse Leiterwagen in
den rheinischen Städten, beladen mit Holzwaren aller
Art: Stühlen, Dosen, Quirlen etc, Erzeugnisse jener
Heimbacher Holzarbeiter. Obwohl mein Gewährs-
mann sich gerade des Vorkommens unserer Stuhl-
formen nicht erinnert, so ist doch nicht unwahr-
scheinlich, dass diese Stühle aus Heimbach stammen
und dass sich in der Bezeichnung eine alte Tradi-
tion erhalten hat. Die Entstehung in dem auch
heute noch abseits der grossen Landstrasse gelegenen
Eifelflecken würde auch die fast reine Erhaltung der
mittelalterlichen Formen leicht erklären: Jahrhunderte
lang arbeitete man nach den alten Mustern und ver-
trieb die Erzeugnisse durch Hausierhandel in den
umliegenden Ländern, so dass wir ihnen auf Bildern
aus den verschiedensten Zeiten begegnen.

Und wie gerade die einfachen mittelalterlichen
Möbel für uns heute besonders lehrreich sind, so
dürften auch die erhaltenen Heimbacher Stühle
brauchbare Vorbilder für Hausindustrie, Handfertig-
keitsschulen und Werkstätten liefern: mit etwas ver-
feinerten Formen und sparsamer Bemalung würden
diese Stühle auch jedem bürgerlichen Haus zu Nutz
und Zierde gereichen.

A. P.

GRABSTEINE AUF FRIEDHÖFEN.

MIT EINER TAFEL.

M Kunstgewerbeblatt, 5. Jahrg.,
S. 29, war ein berechtigter Klage-
ruf ausgestossen über die Unzu-
länglichkeit, in welcher sich der
für die Toten arbeitende Zweig
der Bildhauerkunst in Nord-
deutschland bewegt, und auf Seite 160 desselben
Blattes sucht Einsender -dem Unvermögen, der Roh-
heit", die sich auf unseren Friedhöfen breit macht,
dadurch abzuhelfen, dass dem Steinmetzgewerbe gute
und billige Vorbilder empfohlen werden.

Zugegeben, dass auch für den Zweig der Fried-
hofskunst gute Vorbilder von grösstem Nutzen sind,
so würde doch ein kritischer Gang über unsere Fried-
höfe den Beweis beibringen, dass die erwähnten Ge-
schmacklosigkeiten nicht nur, ja in den wenigsten

Fällen, von den „Meistern kleiner Städte" herrühren,
sondern dass sie um so grösser werden, je grösser
die Städte sind. Auseinanderzusetzen, woher das
rührt, soll hier versucht werden.

Die Mode hat auch hier eine Rolle gespielt und
spielt sie weiter. Das gusseiserne Kreuz findet seit
25 Jahren keine Nachahmung mehr, das Marmor-
kreuz ist an seine Stelle getreten. An Stelle der
gleichseitigen Sandsteinpyramide oder des Obelisken
ist der flache, aber schräg anlaufende Stein in
polirtem Granit oder Syenit mit tief und breit ein-
gehauener, glänzend vergoldeter Inschrift oder ein
stelenartiges Gebilde getreten, oder auch der Stumpf
einer abgebrochenen Säule in edlem und deshalb
teurerem Material hingestellt, das einem durch seine
glänzende Politur schon von weitem auffällt. Wer


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