Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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Oitter, gezeichnet von A. Hotzfeld.

KUNSTGEWERBESCHULEN IN DEUTSCHLAND UND

FRANKREICH.

Sil

Bh/'!

NLEUGBAR ist heute die deutsche
Nation die bestgehasste in ganz
Europa, ja über den Ozean hinaus.
Dieser Hass, der übrigens fast
niemals den einzelnen, sondern
nur die Gesamtheit trifft, ist aber
in seinem Ursprung weniger politischer als wirt-
schaftlicher Natur. Bussen, Belgier und Amerikaner
könnten weit eher unser politisches Übergewicht,
als unsere Konkurrenz auf dem internationalen
Markte verzeihen, und selbst Frankreich würde
Elsass-Lothringen leichter verschmerzen, als dieThat-
sache, dass seine eigene Regierung deutsche Indu-
strieprodukte durch Vermittelung belgischer Firmen
bezieht. Der Franzose ist vor allem Geschäftsmann,
und so nahe ihm die französische gloire am Herzen
liegt, der französische Rentenkurs liegt ihm näher,
und nicht wenige bemessen den Wert der ersteren
nach ihrem Einfluss auf den letzteren.

In der That ist die französische Produktion auf
einigen Gebieten heute noch unübertroffen. Aber
man überwacht doch schon mit Ängstlichkeit die
Bestrebungen der deutschen Konkurrenten, und es
würden vielleicht noch energischere Anstrengungen
gemacht werden, wenn nicht jeder Franzose von
vornherein von dem unantastbaren Glauben erfüllt
wäre an die absolute Überlegenheit seiner Nation.
Es ist das eine Glaubenssache, ein Dogma, ähnlich
dem von der Unverletzlichkeit der Stadt Paris. Je
mehr wir aber unparteiisch und neidlos anzuerkennen
vermögen, wo die überrheinischen Nachbarn wirk-
lich einen Vorsprung haben, um so schneller werden
wir dazu gelangen, auch ihr wirtschaftliches Dogma
zu erschüttern, wie wir schon ihren politischen Hoch-
mut gestraft haben.

Als ganz besonders unantastbar galt und gilt
oft heute noch Frankreichs Superiorität auf dem
Gebiete der Kunstindustrie, die durch zahlreiche,
ausgezeichnet organisirte kunstgewerbliche Biklungs-
anstalten, durch die ecoles nationales des arts deco-
ratifs, de la manufacture etc. gesichert erscheint,
die man den entsprechenden deutschen Anstalten
weit überlegen glaubt. Wer aber Gelegenheit hatte,
die Schülerarbeiten dieser Institute auf der dies-
jährigen Weltausstellung mit den Leistungen ent-
sprechender deutscher Schulen in Berlin oder Mün-
chen zu vergleichen, der wird sich gestehen dürfen,
dass man bei uns an technischer Vollendung, an
pikanter Beobachtung der Farbenwirkung, wie des
Formenreizes, überhaupt au geschmackvoller deko-
rativer Behandlung in keiner Weise hinter Paris
oder Limoges zurücksteht. Deutsche Arbeiten sind
oft reicher und üppiger, nicht immer ist Überladung
ganz vermieden, wir könnten au vornehmer Schlicht-
heit der Wirkung noch manches in Paris lernen,
aber solches Übermass ist eine Eigenart deutscher
Schaffensfreude, die schon der deutschen Gotik,
mehr noch der deutschen Hochrenaissance eigen
war und als nationale Eigentümlichkeit entschuld-
bar ist.

Der Eifer, mit dem Regierungen und Private
die Meisterwerke aller Kuustperioden aufgesucht
und weitesten Kreisen zugänglich gemacht haben,
hat eben gute Früchte getragen und unseren künst-
lerischen Geschmack in ausserordentlichem Masse
verfeinert und gehoben.

Es liegt jedoch für das Kunstgewerbe in dieser
Flut mustergültiger Vorlagen die schon vielbe-
sprochene Gefahr, geistlosem Kopistentum, äusser-
lichem Schematismus zu verfallen. Leider niuss ein-
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