Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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KLEINE MITTEILUNGEN.

— Karlsruhe. In der Monatsversainmlung des Badischen
Kunstgewerbevereins vom 6. März hielt Prof. Dr. M. Roscn-
bcrg einen lehrreichen und beifällig aufgenommenen Vortrag
über „rfa.s- Meisterstück der Qoldschmiedeximfief, dem wir in
Kürze folgendes entnehmen: Von dem sogenannten Meister-
stück der Zünfte haben wir vielfach einen unrichtigen Be-
griff, weil uns die Geduldspiele und Albernheiten jener
Zeiten vorschweben, in welchen sich die Zünfte und der
ursprünglich gesunde Sinn ihrer Satzungen bereits überlebt
hatten. Vom kunst- und kulturgeschichtlichen Standpunkt
aus ist es höchst wichtig, die Entstehung und Weiterent-
wickelung der Meisterstücke zu verfolgen. — Die älteste Ge-
schichte der Zünfte liegt im Dunkel. Die Notwendigkeit
des Zusammenschliessens im Mittelalter hat sie offenbar be-
dingt und nicht etwa altrömische Tradition. Im Jahre 1149
wird in einer Kölner Urkunde als Bliest nachweisbar das
Wort Zunft gebraucht. Die Zünfte sind jedenfalls viel älter
und haben gewiss vordem ohne Aufzeichnungen bestanden.
Es ist sogar anzunehmen, dass sie mit dem Auftraten schrift-
licher Satzungen die beste Zeit bereits hinter sieh hatten.
Die ältesten Ordnungen über das Meisterstück finden sich in
den Städten Hamburg, Lübeck, Riga, Braunschweig, Wismar
(i;j.-)0—MOO). KKI Jahre später treten sie in Süddeutschland
auf, aber selbständig und in anderer Form, und diese Form
ist es dann, die später der Norden vom Süden annimmt.
Im Norden galten ursprünglich als Meisterstücke der Ring,
das Mrssrr und die Arm- oder Brustspange. Es waren also
allgemein gebrauchte, leicht verkäufliche Gegenstände des
persönlichen Schmuckes und Gebrauchs. Die Ordnungen
schreiben die Gestaltung ziemlich genau vor, wie eine solche
aus Lüneburg aus dem Jahre 1400 darthut. Da go-,
Luxusgesetze oder besser gesagt, Verordnung den

Luxus das Tragen des Schmuckes beeinflussten. so sind auch
die Miisli/iin'i-hlc festgesetzt (nicht über 80 und .-o viel Lot
in Silber). Die Meisterstücke standen im Zusammenhang mit
dem täglichen Leben, sie dienten als Braut- und Hoch
geschenke etc. Das Email spielt eine grosse Bolle; erst wird
nur echtes Kinail beansprucht, später wird auch Lackemail
(kaltesEmail)andNieUozugelassen. Da sieh in den fränkischen
Gräbern bis zum 7. Jahrhundert bereits »ehr schöne Email-
Bchmucke finden, so ist anzunehmen, daaa auch in der nach-
folgenden Zeit bis zum iL'. Jahrh, in der dioCräberfunde fehlen,
weil den Toten kein Schmuck mehr mit ins Grab pegeben
wurde, diese Technik sich fortgeerbt habe. Die Mi
stücke iles SüdeiiB sind Becher, Petschaft um! Ring. An
Stelle dei Bechers stand ursprünglich dar Kelch; im Kultur-
kampf der Reformation wurde der letztere durch et
verdrängt and in Besag auf Städte wie Nürnberg, Arsjabarg,
Stnusburg u. a. lässi sieh diese Verdrängung ■ itlich

mit den politischen Vorgängen in Übereinstimmung bringen.
Später wurde es Sitte, in der Zunft lade eine Skizze der an-
zufertigenden Gegenstände zu hinterlegen. InNfimberi
anlaute der beknnnteGoldschmied WenxelJan
tige Modellslücke in die Lade aufgenommen wurden. Über
Pel ohafl und Hing sind wir nicht unterrichtet, aber von
dem Becher in Form einci Akeleiblume sind mehren nach
dem Modell gefertigte Meisterstflcke noch in den Museen

vorhanden. Der Entwurf stammt mutmasslich von Paul
Fliiit. als Meister für die getriebene Verzierung wird Martin
Ri klein genannt. Der vor einigen Jahren von dem Kunst-
gewerbemuseum in Berlin erworbene Ratsschat» aus Lüne-
bunj ist ebenfalls Zeuge der ruhmvollen Vergangenheit deut-
scher Goldschmiedekunst. Das Hereinbrechen des 30jährigen
Krieges mit seinen traurigen Folgen hat einen raschen Ver-
fall dieser Kunst bewirkt. Der spätere französische Einfluss
hat dann das französische Meisterstück, die Thcc- oder Kaffcc-
bniii' und die Dose an Stelle der ehemaligen gesetzt.
Schliesslich ist das Meisterstück ausgenützt worden zu allerlei
unlautern Machenschaften, zur Fernhaltung unbeliebter Wett-
bewerber und ist der wohlverdienten Lächerlichkeit verfallen.
Dem Vortrage folgte die Erläuterung der in dem Saale an-
geordneten , aus älteren und modernen Erzeugnissen des
Kunstgewerbes, vorwiegend aber aus Metallarbeiten be-
stehenden Ausstellung, durch den Vorsitzenden, Direktor
GBts. Dieselbe umfasste des näheren ungarische und sieben-
bürgische Silberarbeiten, wie Prunkgürtel. Agraffen, Schliessen
und sonstige Schmuckgegenstände, Arbeiten in Email cloi-
sonne und Limoges, Email von Barbedienne in Paris, Ar-
beiten in gepresstem Leder von Klein in Wien, eine reich-
geschnitzte Buchdecke von Prof. J. Koch in Furtwangen aus
dem Besitze 1. K. H. der Grossherzogin; besonderes Interesse
erregte ein von Ciseleur Klink in Frankfurt a. 0. eingesen-
deter Silberguss nach der Natur. Die feinsten Gräser und
Blütenzweige, untermischt mit kleinem Getier, sind in diesem
Gusse in wunderbarer Schärfe wiedergegeben.

Karlsruhe. In der Monatsversammlung des badischen
Kunstgewerbevereine vom 8. Januar hielt Herr Geh. Hofrat,
Prof. Dr. Lübke einen ebenso schönen als lehrreichen Vor-
trag, der infolge der zur Zeit herrschenden Infiuenzazustände
allerdings nicht so zahlreich besucht war. als es sonst wohl
der Fall gewesen wäre. Der geschätzte Redner sprach über
Bans Holbein d.j., in seiner Beziehung zum Kunstgewerbe.
Nach einer allgemeinen Einleitung über den Begriff der Re-
naissance, welche dem mehr korporativen Mittelalter gegen-
über die Entdeckung der Welt und des einzelnen bedeute,
und welche an Stelle der religiösen Kunst die Profankunst
iastes und des Bürgerhauses setze, folgten die nötigen
Angaben über die persönlichen und familiären Verhältnisse
des grossen Künstlers, welcher weit mehr bahnbrechend ge-
w, -en sei als sein Zeitgenosse Dürer. Von seinem Vater
Hans Holbein d. ä. das ererbte Talent und eine gute Schule
mitnehmend, zog unser Künstler 17 Jahre alt von Augsburg
nach Basel. WO er mit den ersten Männern der Stadt in Be-
Ziehung trat, so mit Krasnius, dem er das Lob der Narrheit
köstlich illustriite. Bier offenbart sich sofort seine gross-
urtige Vielseitigkeit. Er malt Porträts und Heiligenbilder,
muckt Sah1 und Iläuserf'assadon. so das berühmte Haus

zum Tanz; er macht Entwürfe zu Qlasgemälden, den

heiben, die man sich damals in der Schweiz zu schen-
ken pflegte und zu vielen anderen Dingen. Beine Renaissance'
formen, lebendig, frisch und motivreich sind grundverschieden
von der italienischen Formensprache, sie zeigen echt deut-
sches Gepräge und eine Fülle und Beweglichkeit, die öfters

schon an das spätere Baroooo erii.....rn. Trotz der vielen

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