Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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ÜBER KUNSTGEWERBEMUSEEN.

VON ALBERT HOFMANN-REICHENBERG.
(Schluss.)

ÜR DIE Gestaltung der Museen,
auch der Kunstgewerbemuseen,
kommen in der Hauptsache zwei
mächtige Momente in Betracht,
welche sich zum Teil einander
aber auch ausschliessen. Das eine
Moment ist die künstlerische und technische Pro-
duktion, das andere ist die ethische Hebung des
Volkes durch Einleiten der Kunst in die breitesten
Schichten desselben, wozu in erster Linie das Kunst-
gewerbe, weil es die Gegenstände des allgemeinen
Gebrauchs zu schmücken bestimmt ist, berufen er-
scheint. Diese Einteilung entspricht dem Charakter
der Besuchsmenge, die sich scharf in zwei getrennte
Haufen teilt: eine kleinere Gemeinde, welche den
ausgestellten Gegenständen ein tieferes, sachliches
und technisches Studium entgegenbringt, und eine
grössere Menge, die nur zum Schauen kommt, aber
unbewusst zahlreiche Eindrücke mit sich nimmt und
ebenso unbewusst verarbeitet. Beiden Mengen soll
das Museum gerecht werden, für beide sich in der
Aufstellung und in der Verwaltung Grundsätze gel-
tend machen, die sich zum Teil ausschliessen, wäh-
rend sie sich zu einem Teile aber auch decken. Der
ausübende Künstler, welcher zu der kleineren der
genannten Gemeinden gehört, wird mit der grösseren
Gemeinde zunächst das gemeinsame Interesse haben,
das Kunstwerk in seinem Zusammenhang mit dem
Ganzen kennen zu lernen, für welches es geschaffen
wurde und dessen Generalism seine Entstehung
leitete. Etwas weiter noch gehen Künstler und
kunstsinnige Laien noch zusammen, indem sie neben
dem ursächlichen Zusammenhange auch noch die
Idee des Werkes an sich zu erfassen trachten. Da-
mit aber hört das Interesse des Laien gewöhnlich
auf. Für ihn ist also „ein wohl ausgestattetes und

gut eingerichtetes Museum in Wahrheit ein Mittel-
punkt höheren geistigen Lebens, an dem jeder ohne
Ausnahme teilnehmen kann, um aus dem Borne des-
selben, so viel er vermag, zu seinem eigenen Nutzen
zu schöpfen. Dieser Nutzen ist zunächst gewiss ein
innerlicher, der nur den einzelnen angeht; aber in-
dem viele sich desselben bemeistern, wird er ein all-
gemeiner, der die Hebung einer ganzen Bevölkerung
bedeutet und der deshalb nicht ein rein innerlicher
bleibt, sondern der sich in grossen Zügen auch auf
das praktische Gebiet überträgt und hier in hundert-
fältiger Frucht die Kosten und den Aufwand ver-
zinst, die eine öffentliche Kunstsammlung in An-
spruch nimmt." (Riegel, Die Museen als allgemeine
Bildungsmittel.) Hier tritt also die ethische Hebung
des Volkes in ihrer Unmittelbarkeit in die Schranken.
Anders ist die künstlerische Produktion.

Es liegt nun auf-der Hand, dass dieser Bestre-
bung die Hebung der Volksbildung eine im mög-
lichsten Zusammenhange der Dinge gegebene Auf-
stellung am meisten entspricht. Ich glaube, die
Kaiserin Friedrich war es, welche einmal bei einem
gelegentlichen Besuche eines Museums beim Anblick
der italienischen Objekte die Äusserung that, wie
ganz anders müssten die Dinge wirken, wenn sie,
statt zerstreut an willkürlicher Stelle dem Volke dar-
geboten zu werden, zu einem italienischen Räume
vereinigt würden, dessen Decke in dem prächtigen
Sinne der italienischen Frührenaissance mit vergol-
deten und bemalten Stuckornamenten, in den um-
'rahmten Flächen farbenleuchtende Ölgemälde, ge-
schmückt wäre, dessen Wände figurenreiche Gobe-
lins mit reich komponirten Bordüren bedeckten,
dessen Kamin aus zart profilirtem Marmor mit zu-
rückhaltender Vergoldung und Bemalung bestehe
.und dessen Boden ein reiches Mosaikmuster oder ein


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