Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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KUNST UND KUNSTTECHNIK IM WAFFENSCHMIEDE-
WESEN.

MIT ABBILDUNGEN.

S LIEGT etwas Versöhnendes in
der Wahrnehmung, dass schon
vom Altertume an mit dem Stre-
ben die totbringende Waffe zweck-
entsprechender, wirksamer zu ge-
stalten, jenes sich paart, sie
schöner und prächtiger auszustatten. Wir treffen
diese uns anmutende Sitte so über den Erdenrund
verbreitet, so weit zurückreichend in die Vergangen-
heit, dass wir annehmen müssen, diese Regung sei
tief in dem menschlichen Wesen begründet. Der
Insulaner der Südsee, der Indianer des amerikani-
schen Festlandes, ebenso wie der Grönländer ziert
seine Waffe um so reicher, je mehr er sich selbst
für tüchtig hält im grausamen Streite mit dem Feinde.
In jenen Erdteilen, welche hohe Kulturperioden
hinter sich haben, war die Freude an der reichge-
sclimückten Waffe immer lebendig; sie minderte sich
uicht mit dem allgemeinen Rückgange der künst-
lerischen Fähigkeit in bestimmten Epochen. Die
Erzeugnisse wurden roher, das Streben aber nach
einer entschiedenen Entfaltung von Pracht wirkte
uuverkümmert fort. Die Kunst behielt immer ihren
Anteil an dem Waffenwesen.

Wenn wir den unermesslichen Einfluss der
Waffe auf das Leben in den vergangenen Epochen
in Betracht ziehen, ein Einfluss, der je weiter wir
in die Zeiten zurückblicken mächtiger erscheint, dann
werden wir zugestehen, dass das K> rbe, wenn

auch vornehmlich im Dienste der Kirche gestanden
and behütet, doch Buch im Gebiete des Waffen-
wesens eine SchutzstStte gefunden hatte, die es über
den Wirren und Greueln der Völkerwanderung uns
erhielt und bis zur erneuten Entfaltung pflegte.

In ihrem Verhältnisse zum Waffenwesen hat
die Kunst ihre erste Thätigkeit im profanen Leben
KnnatgawarbsbUtt N. F. 1.

gefunden. In diesem Bereiche strebt sie nicht nach
der Verehrung des Höchsten, sie wendet sich an das
künstlerische Gefühl, an die Prunkliebe des Men-
schen, nicht eingeengt durch dogmatische und ritu-
elle Gesetze, nur geleitet von den allgemeinen Rück-
sichten auf den praktischen Gebrauch.

Was Wim Zusammenbruche des Römerreiches
au kunsttechnischer Fähigkeit übrig geblieben war,
konnte vom ästhetischen Gesichtspunkte nur als ein
Minimum angesehen werden. Das Streben nach
äusserem Prunke begegnete einer immer mehr über-
hand nehmenden Unzulänglichkeit. Noch gewahren
wir die Spuren einer grossen Kunstzeit in Form und
Technik, aber beide letztere verrohen allgemach,
sie werden endlich barbarisch unterTdem Einflüsse
der nordischen Gäste, die auf den Plan treten.

Die schwerste Krise hatten Kunst und Kunst-
gewerbe vom 5. bis ins 7. Jahrhundert durchzu-
kämpfen gehabt. Das Alte war gebrochen und neue
Keime waren noch nicht zur Entfaltung gelangt.
Mit der allmählichen Beruhigung der politischen
und sozialen Atmosphäre regten sich auch die Be-
dürfnisse nach dem Edlen und Schönen, aber die
neue Kunst rang nach Formen, die Technik nach
Mitteln in einer neu sich bildenden Welt.

Ein grosses Weltgebiet war von diesen Stürmen
unberührt geblieben, der Orient. Die Umwälzungen
dortselbst führten nicht zu jenen allgemeinen Zer-
störungen, sie berührten nicht gleichzeitig den ge-
samten Weltteil, dass die menschliche Thätigkeit
durch sie mächtig gestört oder vernichtet hätte wer-
den können. Der Islam hemmte erheblich den Vor-
schritt, aber auch er machte erträglichen Frieden
mit dem Menschengeiste. So war ein beträchtliches

- von produktiver Kraft, die nach Entwicklung
strebte, im Oriente aufgespeichert, vorwiegend auf

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