Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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NORDBÖHMISCHE KUNSTINDUSTRIEN.

welches mir auch willkommen war, denn die Kleck-
maler hatten harte Pinsel von Dachshaar. Dem
Brenner und Farhenschmelzer brachte ich immer
einen Schnaps, wodurch ich manches erfuhr, was
ich zu wissen brauchte." Am 1. Januar 1864 starb
Friedrich Egermann hochbetagt im Alter von 90
Jahren.

Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre
unseres Jahrhunderts hat die societe d'encourage-
ment in Frankreich die böhmischen Glasraffinate,
was Schönheit und Billigkeit des Schliffes anbelangt,
der französischen Industrie zum Vorbilde aufgestellt.
Eine überraschende Mannigfaltigkeit bietet die böh-
mische Hohlglasindustrie und man wird leicht be-
greifen, wie die böhmische Glasfabrikation in der
Mannigfaltigkeit ihrer Verzweigungen nicht wohl
von der Glasproduktion in anderen Ländern erreicht
werden konnte.

Wenn trotzdem die böhmische Hohlglasproduk-
tion zurückging, so liegt dies zunächst in äusseren
Umständen. England produzirt in seinen ausge-
dehnten Etablissements weit mehr wie früher, Frank-
reich verlieh der Glasindustrie durch Wissenschaft,
Geschmack und Kunstfleiss eine hervorragende För-
derung: Russland hat durch Cancrin seine Glas-
Produktion technisch und kommerziell in überraschen-
der Progression gesteigert; auch Nordamerika tritt
erfolgreich in die Reihe der konkurrirenden In-
dustriestaaten und so ist es denn erklärlich, wenn
eine Industrie abnimmt, die in den genannten Staaten
ihre Hauptabsatzquellen hatte. Freilich hätte die
Abnahme nicht in dem Umfange statthaben können,
wenn die böhmische Hohlglasindustrie nicht heute
an inneren Schäden litte, welche ihr die Konkurrenz
mit dem Auslande wesentlich erschweren. Diese
inneren Schäden aber bestellen schon seit längerer
Zeit, aber noch rührt sich niemand, sie zu heilen.
Noch wiegt sich die böhmische Glasindustrie in
dem Ruhmgedanken vergangener Zeiten, obgleich
ihr das Messer an die Kehle gesetzt wird. Wohl
hat die Regierung in weiser Versorglichkeit seit
vielen Jahren in den Hauptorten Haida und Stein-
schönau Fachschulen für Glasindustrie errichtet, die
heute unter der Leitung der Direktoren Hartel und
Chilla Vorzügliches leisten; jedoch in sträflicher In-
differenz nimmt die Industrie kaum Notiz von diesen
hervorragenden Anstalten, ein beharrliches Weiter-
treten in einem bereits ausgetretenen Pfade und ein
verrohter Geschmack drücken die Industrie nach wie
vor gewaltsam nieder.

Von einer Geschichte der böhmischen Hohl-

glasindustrie ist die Geschichte des „böhmischen Glas-
handels" unzertrennlich, weil derselbe nicht ohne
Einfluss auf Formengestaltung und Dekoration blieb
und weil seine Geschichte eigentlich erst den rich-
tigen Aufschluss über die Bedeutung der nordböh-
mischen Hohlglasindustrie giebt. Es dürfte indessen
an dieser Stelle, wo mehr das künstlerische Interesse
in den Vordergrund tritt, ein kurzer Überblick über
den böhmischen Glashandel genügen.

Die Anfänge desselben reichen bis in die letzten
Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts zurück. Kaspar
Kittel wird als der Bahnbrecher des böhmischen
Glashandels betrachtet. Blottendorf, Haida, Langenau,
Pärchen, Steinschönau, Neuwelt und Polaun sind die
Hauptorte, aus welchen bald ein lebhafter Handel
hervorging. Kaspar Kittel vereinigte in sich nicht
nur den gewiegten Kaufmann, sondern auch den
aufmerksamen Beobachter und Kenner aller tech-
nischen Vorgänge in der Hohlglasindustrie. Da-
durch wurde seine Thätigkeit eine so fruchtbare.
Sein Forschungseifer ging so weit, dass er eine
Reise nach Venedig antrat, dessen Glasindustrie da-
mals in hohem Glänze stand, sich ungekannt in die
Werkstätten einzuschleichen wusste und hier eine
Menge neuer technischer Vorgänge erspähte, die
er dann der heimischen Industrie nutzbringend
mitteilte.

Es ist eine nicht uninteressante Thatsache, dass
fahrende Scherenschleifer es waren, welche mit den
Anfängen des böhmischen Glashandels eng ver-
bunden sind. Durch emsige Nachforschungen hatte
Kaspar Kittel durch diese erfahren, dass in den
verschiedenen Städten, welche sie auf ihren Wan-
derungen durchstreiften, nur selten Gefässe aus Glas
wahrgenommen wurden. Die nächste Folge für
Kittel war, dass er in jenen Gegenden Leute warb,
welchen er so viele Glaswaren, als sie mittels eines
Schubkarrens fortzubringen im stände waren, zum
Verkaufe überliess. Der Absatz war ein günstiger
und die Glashändler kehrten mit Gewinn nach
Hause zurück. So entstand der Glashandel in der
Umgebung der damals noch nicht existirenden Stadt
Haida. Christian Franz Rautenstrauch aus Korut
bei Bürgstein war der erste, der im Jahre 1710 den
für die damalige Zeit kühnen Gedanken fasste und
glücklich ausführte, böhmische Glaswaren nach
St. Petersburg einzuschiffen. Eine 1714 nach Por-
tugal unternommene Reise war von demselben gün-
stigen Erfolge begleitet, indem sämtliche Glaswaren
in Lissabon und Oporto zu sehr hohen Preisen ver-
kauft wurden. Bei diesen Erfolgen ist es klar, dass
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