Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 1.1890

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DIE WIRKEREI UND DER TEXTILE HAUSFLEISS.

wissenschaftlichem Sinne ist ein Erzeugnis der neue-
sten Zeit, hervorgegangen aus dem Handwerk und
hauptsächlich herbeigeführt durch den Niedergang
der Zünfte. Dagegen ist die Produktionsweise, der
jene gewirkten Gebrauchsgegenstände der Südslaven
ihre Entstehung verdanken, nichts anderes als die
allerprimitivste des Hausfleisses, der nur für die
eigenen Bedürfnisse des oder der Erzeuger schafft,
wogegen der Verkauf eines etwaigen kleinen Über-
schusses gar nicht in Betracht kommt. Es ist das
Verdienst des Dr. A. Braun in München, dieses Ver-
hältnis zuerst klar gestellt zu haben. *) Dass Grosch
in Bezug auf die norwegische Teppicherzeugung
nicht in den gleichen Fehler verfiel, wie die unga-
rischen Schriftsteller, wird schon daraus erklärlich,
dass die norwegische Litteratur ein sehr wertvolles
Material zur Beurteilung der primitiven Betriebs-
systeme enthalten soll, und daher zu erwarten steht,
dass in Norwegen bereits viel geklärtere Ansichten
über die einschlägigen Verhältnisse verbreitet sein
dürften.

Nur in einer Beziehung möchte sich H. Grosch
einer allzu sanguinischen Zuversicht hingeben, wenn
er sich nämlich von den auf Wiederbelebung der
ornamentalen Teppichwirkerei gerichteten Bestre-
bungen besonderen Erfolg verspricht. Die Technik
der Wirkerei ist (wieder abgesehen von der Luxus-
klasse der Gobelins) als reine Handarbeit bloss bei
einem primitiven Betriebssystem denkbar. Analoge
Versuche einer Wiederbelebung dieser Technik bei
den Südslaven haben nur ziemlich schüttere, wenig
dauerhafte Gewebe ergeben, die sich wohl zu deko-
rativen Zwecken, aber nicht für ernsthafte Gebrauchs-
gegenstände eignen. Wollte man sie dagegen so
fest und solid herstellen, wie in früheren Zeiten, so
würde der Aufwand an Zeit, Mühe und Material
keineswegs lohnen. Es ist zwar freilich nicht un-
denkbar, dass die eigentümlichen Verhältnisse in dem
fjordendurchfurchten Bergland Norwegens, die eine
fortwährende Übung der primitiven Teppichwirkerei
bis in unser Jahrhundert ermöglichten, dieselbe auch
in Zukunft noch lohnend gestalten könnten. Aber
eine Umschau im übrigen Europa macht es sehr
zweifelhaft, ob selbst die Bewohner der abgeschie-
denen skandinavischen Halbinsel von der modernen

1) Vgl. die äusserst lesenswerte Schrift: „Der Hausfleiss
in Ungarn im Jahre 1884. Ein Beitrag zur Lehre von den
gewerblichen Betriebssystemen von Ad. Braun und E. R. J.
Krejcsi, Leipzig 1SS6"; ferner: „Zur Frage der gewerblichen
Betriebssysteme, von Dr. A. Braun" in den „Deutschen
Worten" 1889, Juliheft.

Entwickelungsstufe der wirtschaftlichen Produktion
auf eine längst überwundene zurückkehren dürften,
ohne sich im Wettbewerb mit ihren Nachbarn
empfindlich zu schädigen. Eine nachhaltige Wieder-
belebung der Wirkereitechnik, die über einen blossen,
vorübergehenden Modeerfolg hinausgeht, dürfte so-
mit unter Beibehaltung der reinen Handarbeit aus
wirtschaftlichen Gründen leider aussichtslos sein.
Deshalb hat auch der umsichtige Direktor des
Agramer Gewerbemuseums, Prof. Dr. Krsnjavi, bei
seinen Bestrebungen nach Wiederbelebung des alten
serbisch-kroatischen Kunstgewerbes auf die Wirkerei
vollständig verzichtet und die derselben eigentüm-
lichen ererbten Muster durch Knüpfung wiedergeben
lassen — bekanntlich eine nicht minder primitive
und uralte Technik, die auch in Skandinavien ohne
Zweifel durch die Jahrhunderte her im Wege des
Hausfleisses geübt wurde, wiewohl das Groschsche
Werk in dieser Richtung leider keine neuen Auf-
schlüsse gewährt.

Es kann nicht überraschen wahrzunehmen, dass
zwischen den von Grosch publizirten ornamentalen
Teppichwirkereieu der Norweger und denjenigen der
Südslaven eine sehr weitgebende Verwandtschaft
herrscht. Nicht so sehr in der Farbe, die in älteren
Zeiten hauptsächlich durch die Eigentümlichkeit der
Flora des produzirenden Landes bedingt war, wes-
halb zwischen den Erzeugnissen aus zwei so ver-
schiedenen Himmelsstrichen keine grössere Überein-
stimmung erwartet werden darf. Um so weiter geht
die Verwandtschaft in den Mustern, was schon durch
die gleiche Technik bedingt ist. Leider findet sich
nicht bei jedem einzelnen der von Grosch publizir-
ten Stücke genau angegeben, welche Technik dabei
in Anwendung gekommen war. Aber bei der Treue
der Reproduktionen dürfen wir unbedenklich jene
Stücke für gewirkt halten, die im allgemeinen schräge
Linienführung, aber im einzelnen geradlinige Ab-
stufungen aufweisen, wie es eben einer Technik ent-
spricht, welche die geraden Linien in der Richtung
der Kette möglichst kurz bemessen muss, um längere
Spalten zu vermeiden. Auf die Umschreibung be-
liebiger runder Konturen — diese Glanzleistung der
antiken Wirkerei auf der Höhe ihrer Ausbildung —
haben die norwegischen und serbischen Bäuerinnen
augenscheinlich von vornherein verzichtet. Daher
im Norden wie im Süden die Vorliebe für rauten-
förmige Konfigurationen, für parallele Ausstrahlungen,
die senkrecht zur Kette verlaufen, und für engge-
stellte Zickzacklinien, wo es gilt, in der Richtung
der Kette vorzugehen; daher auch die fast identi-


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