Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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Das Kleinhaus
Zlatko Neumann
Die Siedlungsbewegung, insbesondere der
große bodenreformatorische Gedanke Lebe-
recht Migges und — Hand in Hand — der
Baugedanke Adolf Loos’ ermöglichen es heute
dem Arbeiter, auf Grund des Ertrages seines
Schrebergartens in den Besitz eines eigenen
Hauses zu gelangen. Immer nähern wir uns
mehr dem Zeitpunkt, wo die bereits teil-
weise verwirklichten Ideen dieser beiden Re-
formatoren alle „Kunstbauten“ der zahllosen
,,Baukünstler“, die hinter dem Schild der
Siedlungsbewegung verkrochen heillosen Un-
fug treiben, endgültig verdrängen werden und
jeder, der seinen kleinen Garten redlich zu be-
arbeiten gewillt ist, auf Grund seines Boden-
ertrages sein eigenes Haus haben wird.
Adolf Loos sagt in seinem Vortrag über „Die
moderne Siedlung“: „Nicht alle Menschen
können einen Schrebergarten besitzen oder
bebauen. Es gibt viele Berufe, die den Men-
schen von der Gartenarbeit ausschließen. Ein
Feinmechaniker darf nicht einen Spaten in die
Hand nehmen, er ruiniert seine Hand; ein
Violinspieler darf nicht einen Spaten in die
Hand nehmen, er ruiniert seine Hand. Viele
geistige Berufe sind nicht dazu geeignet.“
Kann nun ein solcher Mann nie sein eigenes
Haus besitzen, wenn er auch vielleicht über
ein geringes Kapital verfügt, welches ihm
aber nicht gestattet, ein Haus eines Groß-
kapitalisten zu erbauen?
Diese Frage hatte ich bei dem beiliegend ab-
gebildeten „Projekt für ein Kleinhaus für den
Radierer S. in P.“ zu lösen.
Als Schüler und Mitarbeiter von Adolf Loos
benützte ich all seine langjährigen Erfahrun-
gen und seit Jahrzehnten unermüdlich ins

Leere gesprochenen Prinzipien des modernen
Hausbaues.
Das moderne FI aus ist eine Maschine, Der
reine Zweck ist das Primäre bei der moder-
nen Architektur. Daraus folgt erst, als Se-
kundäres, die Form, die logischerweise die
moderne Form ist.
Das wird von den „modernen Baukünstlern“
gedankenlos nachgeplappert und durch ihr Or-
namentgehirn und ihre faule Romantik ver-
gewaltigt, indem der unangetastete Grundriß,
die unberührte Wohnart des 18. Jahrhunderts
in eine ornamentlose Hülle gesteckt, mit
einem flachen Dach versehen — so: „als
ob . . .“ — als Formexperiment, als „die
moderne Bauform“ ausposaunt wird.
Größte Oekonomie mit jedem Kubikzenti-
meter des Raumes, daher verschiedene Höhen
der Räume; der Gedanke, daß „ich mein
ganzes Haus in einem Augenblicke bewohnen
will“, daher keine Türen zwischen den
Wohn räumen (Schlafzimmer, Bibliothek oder
Arbeitsraum, wo man sich ungestört zurück-
ziehen können muß, haben natürlich Türen),
sondern Trennung der einzelnen Räume durch
Niveauunterschiede; Schlafen getrennt vom
Wohnen; quadratische Grundrißform des
Hauses, weil Minimum der Umfassungs-
mauern bei Maximum der bebauten Fläche;
ökonomische Organisation des wirtschaftlichen
Teiles; alles wirklich wie Räder einer Ma-
schine ineinandergreifend und berechnet ist
das moderne Haus.
Beim beiliegend abgebildeten Haus beträgt
die bebaute Fläche 56,25 m (7,50 mX7,50 m)
ohne der zugebauten Garage und Gerätekam-
mer, deren Dach als Terrasse von der Halle
zugänglich ist. Das Haus braucht nicht
gleich vollständig, wie cs projektiert wurde,
erbaut zu werden, sondern kann nach und

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