Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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ER
Kurt Schwitters
ER war mittlerweile ein ausgewachsener
Mensch geworden. Da kamen sie zusammen
und berieten, ihn in die menschliche Gesell-
schaft aufzunehmen. ER sollte mithelfen, un-
sere degenierte Kultur zu regenerieren. Aber
es kam anders. Man ließ IHN zunächst kon-
firmieren, und als ER vor den Altar trat,
»siehe, da sahen alle, daß seine neuen Hosen
viel zu kurz waren. ER mußte wohl inzwi-
schen schon wieder gewachsen sein, denn
seine neuen Aermel waren auch wie einge-
schrumpft. „Junge, wohin soll das noch ge-
hen,“ sagte die Mutter, „Du wächst uns
schließlich noch allen über den Kopf.“ Tat-
sächlich war ER schon größer als alle an-
deren, und jetzt merkte ER es selbst. Im
allgemeinen redete ER nicht viel, ER pflegte
nur zu sagen: „Guten Morgen, guten Abend,
gute Nacht“, je nach der Tageszeit, oder:
„Ich habe Hunger, gebt mir zu essen, legt
mich zu Bett“, je nach seinen Bedürfnissen.
Er fragte auch nicht viel, und so vergaß er
auch zu fragen, ob er jetzt zu wachsen auf-
hören sollte, und wuchs deshalb weiter. ER
war schon größer als alle Soldaten, da kam
man wieder zusammen, beriet und schickte
ihm eine Aufforderung, daß ER Soldat wer-
den müsse. Das hätte fast zum Verhängnis
für die gesamte Menschheit werden können.
ER aber ging hin, tat wie ihm befohlen, ließ
sich in die Kompagnie einreihen, und war
größte Soldat. Eines Tages fiel es dem Leut-
nant auf, daß der Flügelmann mindestens
anderthalb so ^roß war, wie sein Nachbar.
Nun berieten die Offiziere, was hier zu tun
wäre, denn wenn das der General bemerken
würde, dann würde sich der Major unmöglich
machen. Deshalb müßte hier ein Mittel er-
dacht werden, den Flügelmann wieder zu ver-
kürzen. Man ließ IHM einen Helm machen,
der fünf Zentner wog, und den mußte ER

aufsetzen. Morgens und abends wurde ER
gemessen; aber wenn ER auch tagsüber
etwas einschrumpfte, wuchs ER des Nachts
um so mehr. Und bald war ER doppelt
so groß wie sein Nachbar. Und das sah
entsetzlich aus. Der Leutnant hatte eine
Lauseangst, denn wenn es dem General auf-
fallen würde, und wenn der Major sich da-
durch unmöglich gemacht haben würde, dann
würde ER fliegen. Den Mann schien das
nicht weiter zu beunruhigen. Da tauchte das
Gerücht auf, in zehn Minuten würde der Ge-
neral besichtigen. Der Leutnant wurde krank
vor Angst, denn der Flügelmann stand baum-
lang da. Da kam schon seine Excellenz, und
der lange Mann stand, weil man ihn nicht
hatte so schnell entfernen können, da. Seine
Excellenz überzeugte sich von dem ausge-
zeichneten Geist seiner Truppe und bemerkte
den baumlangen Menschen gar nicht einmal.
Ob seine Excellenz ihn wirklich nicht be-
merkt hatte, oder ob seine Excellenz ihn
nicht hatte bemerken wollen, das ließ sich
nicht mehr entscheiden. Dem Major hatte
es nicht den Hals gebrochen, nur der Leut-
nant bekam hinterher Diarrhoe. Der Geist in
der Truppe aber war vorzüglich. Wenn nun
aber der General wiederkommen und den
langen Mann bemerken sollte, dann würde
es wahrscheinlich aus sein. Daher befahl der
Major kurzerhand, den Mann in Arrest zu
stecken. Man konnte ihn stets wieder von
Neuem in Arrest bringen, falls ER sich wei-
gern sollte, sich zu verkürzen. Und inzwi-
schen war der Mann schon wieder ein Stück
gewachsen; ER wurde vor den Unteroffizier
gerufen, der IHM kurzerhand den Befehl des
Leutnants übermittelte, ER habe sich binnen
fünf Minuten auf das normale Maß des nor-
malen Soldaten zu verkürzen. Der Herr Un-
teroffizier wartete. Der lange Mann hatte
sich nicht nur nicht verkürzt, sondern war im
Gegenteil noch gewachsen. Der Herr Unter-
offizier sprach von Dienstverweigerung und
schickte ihn sofort in Arrest. Nach abermals
fünf Minuten meldete der wachthabende Un-

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