Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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Front
Internationaler Almanach
der Aktivität der Gegenwart
In der Zeit einer allgemeinen politischen
sowie kulturellen Reaktion wollen wir die
Linie zeichnen, wo heute die wirkliche
Front der Entwicklung, der schöpfe-
rischen Arbeit und des Kampfes um die
Zukunft führt. Die schöpferische Arbeit ist
voll von Ungewißheiten. Es erscheinen Ge-
danken pro und contra. Wir wollten nichts
von der Lebendigkeit des schöpfet isclien Pro-
zesses von heute abstreifen, deshalb haben
wir kein Manifest gemacht, sondern haben
die Gedanken Vieler nebeneinandergestellt,
mit allen ihren Widersprüchen.
Wir leben in der Zeit eines Bruches der
Weltgeschichte. Wo wird der Boden unter
uns zerbrechen? Werden wir uns in die neue
Welt retten oder gehen wir mit der alten zu-
grunde? Man muß Ausschau halten —
Wir sind überzeugt:
Vor uns liegt die einzig mögliche Gesell-
schaft der Zukunft: die sozialistische.
Wie wird ihre Kultur beschaffen sein?
Die Kunst ist heute keine direkt wirkende
Kraft im Leben mehr, sie ist einer Lebens-
zweckmäßigkeit nicht fähig. Deswegen sind

alle direkten Lebenszwecke aus derselben
auszuscheiden, die Kunst ist von den nicht-
funktionellen Elementen zu reinigen, sie ist
auf ihre einzige Funktion, die sie zu erfüllen
imstande ist, zurückzubringen. Das ist der
eine Weg: zur „reinen“, absoluten, „ab-
strakten“, elementaren Kunst. Aber da er-
scheint die Frage: hat die Kunst überhaupt
noch eine Lebensberechtigung? Welcher ist
ihr Platz im Leben? Wir haben alle in der
Front sprechen lassen, die etwas zu dieser
Frage zu sagen hatten und es tun wollten,
gleichgültig, ob sie das Ganze oder ein Teil-
problem, in unserem oder ihrem persönlichen
Sinne, theoretisch oder durch ihr Schaffen
erfaßt haben.
Wo soll aber „der dialektische Riß“ zwischen
der Kunst und dem Leben führen? Darüber
soll die Front reden.
Wir kommen zum Leben und seinen Fragen
zurück. In neuer Gesellschaft wären wir un-
bedingte Zivilisationsoptimisten. Heute sind
wir es bedingt.
Denn vor alle Dinge tritt heute eine aktuelle
und höchste Frage, die Frage der Fragen.
Nur durch ihre Beantwortung wird auch die
„Kultur“ vorwärtsriicken.
Redaktion der Front
Brno XV/TschechosIowakei
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