Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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«Q Li»-

Das Problem der
Tanznotenschrift
Kurt Fr. Kronfeld
Das Problem der Tanznotenschrift: es han-
delt sich heute nicht um die Frage der Not-
wendigkeit, sondern um die Art der Aus-
führung. Wir kennen schon aus dem sech-
zehnten Jahrhundert die Zeichen der fran-
zösischen Maitres de ballet, die nichts ande-
res geben als diesen und jenen Pas und
einige Sorten von Verbeugungen. Damit
kommt die heutige Tanzkunst von Wigman,
Trümpy, Skoronel, Bodenwieser, Klamt und
wie sie alle heißen, nicht mehr aus. Sie
alle wollen ihre Schöpfungen dauernd erhal-
ten. Es ist auch notwendig, die Werke die-
ser Künstler für die Nachwelt aufzubewahren.
Ferner muß die Möglichkeit gegeben wer-
den, einen Tanz komponieren zu kön-
nen: das in der Phantasie Erschaute sofort
zu Papier zu bringen, wie ein Musikstück oder
eine Zeichnung. Eine Petite Piece kann man
sich merken, aber nicht die Arbeit moder-
ner Künstler des Tanzes mit ihren Bewe-
gungschören, Tanzdramen, getanzten Sonaten
und Sinfonien.
Deshalb haben alle produzierenden Tänzer
einige selbsterfundene Zeichen, die skizzen-
haft Posen und Figuren darstellen. Man hat
das Problem verschieden zu lösen versucht,
eine möglichst genaue Tanznotenschrift zu
schaffen, die dennoch der individuellen Ent-
faltung Raum läßt. Eine wertvolle Lösung
bietet der Bewegungsforscher G. Joachim
Vischer-Klamt. Er sagt: Die Choreografie
ordnet die einem System zugeordneten Be-
wegungseinheiten nach Gründen der Zweck-
mäßigkeit. Darüber hinaus aber gibt es noch
Atmung, Bewegung und das Verhältnis bei-
der zur Intelligenzleistung.
.Solche und ähnliche Momente konnte bis
heute die Choreografie nicht ausdrücken. Sie

beschränkte sich lediglich darauf, anstelle der
Pas die Schwünge zu setzen. Man vergaß,
daß Systematik an und für sich noch nicht
Gesetzmäßigkeit ist. Seine Erkenntnis ver-
anlaßt ihn dazu, die eben erwähnten Aus-
gangsmomente und Bewegungsursachen zu
notieren. Und mit diesen Notenzeichen kann
man ebenso Kulttänze, wie die Armbewegun-
gen eines Verkehrspolizisten oder einer Amöbe
festhalten. Ein starres System, dessen Starre
allerdings dort zu suchen ist, wo die Mängel
aller Notensysteme liegen: Bach, Mozart,
Beethoven, sie alle hinterließen uns, was
sie spielten, aber nicht, w i e sie es spielten.
Indessen können wir froh sein, wenn wir
ein Tanznotensystem hätten, das so vollkom-
men wäre wie unser fünfzeiliges Musiknoten-
system.
Ein anderer Versuch, Tanznoten zu finden,
ist mir selbst in den Sinn gekommen. Ich
habe keine Ursachen und auch keine Mo-
tive darzustellen versucht, sondern gebe in
figural-skizzenhaften Zeichen das wieder, was
der Tanzende auszuführen hat. Hierbei ver-
wende ich ein Notenliniensystem, das ähn-
lich dem Musiknotenraster ist, dessen Linien
die Höhe des Körpers teilen. Für die ein-
zelnen Körperteile werden entsprechende No-
tenzeichen gesetzt, deren verschiedene Stel-
lung und Richtung dem Verhalten des be-
treffenden Körperteils entsprechen. Im übri-
gen soll die Verwendung des Rasters den
Zweck haben, daß sämtliche, dynamische,
Takt- und Vortragszeichen in derselben Weise
wie bei den Musiknoten angebracht werden
können. Dadurch wird ein Notenbild ge-
schaffen, das dem Musiknotenbild sehr ähn-
lich ist und also auch leichter zu erlernen
sein muß. Zu dieser Art von Notierung
drängt sich noch ein zweites tänzerisches Pro-
blem. Es gibt Musikstücke, die es dem Tänzer
leicht machen, daraus einen Tanz zu schaf-
fen. Er braucht sich nur die Höhe der ein-
zelnen Töne in der Schrift vor Augen zu füh-
ren, und er weiß schon, daß diese Höhe
und die Art des rein bildlichen Eindrucks,

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