Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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Von Leuten, die den Kopf
verloren
Palmyrenische Fackeltanz-No vellette
Paul Scheerbart
Still war die Nacht. Die Sterne funkelten.
Und große Pechfackeln qualmten auf den
Dachterrassen der palmyrenischen Königsburg
— in hohen Opferschalen, von denen jede
von drei langen Speeren gehalten wurde; die
drei Speere waren immer so zusammenge-
bunden, daß sie ein festes Fußgestell bilde-
ten -— mit drei Füßen.
Neben dem einen dieser Gestelle stand der
gewaltige Scharfrichter Aglibol. Nach altassy-
rischer Sitte trug er Haar und Bart gekräuselt;
ein großes blankes Schwert blitzte an seiner
Linken; es hing an einem Lederriemen, der
seine linke Schulter umspannte. Ein gutmüti-
ges Lächeln ging über seine breiten Lippen.
Sein braunes volles Gesicht glänzte im Fackel-
licht. i
Zum Henker Aglibol trat der Arzt Jaribol,
der auch assyrisch frisiert war. Beide blickten
schweigend in die große syrische Wüste hin-
ein, und dann drehten sie sich langsam um
und blickten nach Westen — zum Westmeere,
wo die Sonne untergegangen war; man sah
nichts mehr von ihr.
Die Christen schrieben das Jahr 269. Und
Palmyra bildete ein mächtiges Königreich, das
Zenobia, die große Königin beherrschte — an
Stelle ihres unmündigen Sohnes Vaballathus.
Der Gatte der Königin war schon vor vielen
Jahren ermordet. Niemand dachte mehr an
ihn. Und sein Sohn blieb unmündig — sein
ganzes Leben hindurch.

Zenobia jedoch liebte die Konfitüren und das
gute Gebäck; ihr Küchenmeister Schemun
spielte eine große Rolle am Königshof zu
Palmyra.
Schemun kam weinselig lachend zu Aglibol
und Jaribol und sagte:
„Die Sonne ist untergegangen. Die Königin
Zenobia wird gleich aufstehen. Warten wir
ab, was sie sagen wird. Die Nacht ist still.
Wir verstehen hier jedes Wort.“
Und die Königin kam auf die Terrasse mit
Tama, ihrer Lieblingssklavin.
Beide sagten gar nichts.
Da näherte sich langsam und ehrfurchtsvoll
der Henker Aglibol der königlichen Majestät.
Aber die Königin warf sich mit finsterer
Miene auf einen römischen Diwan.
Tama fächelte ihr kühle Luft zu.
Und die Königin Zenobia rief plötzlich ganz
wild und heftig:
„Hau Jhm den Kopf ab!“
Aglibol (warf sich zur Erde und) küßte den
Steinboden der Terrasse, erhob sich und ging
neben Rosengebüschen zurück zu Jaribol und
Schemun.
„Kommt mit,“ sagte er, „Ihr habt gehört,
was ich tun soll.“
„Hat (sie den Namen,“ fragte Schemun, „ganz
leise gesagt? Wir haben den Namen nicht
gehört.“ i
Aglibol antwortete nicht.
Sie kamen auf eine tiefer gelegene Terrasse,
auf der sie nicht mehr gehört werden konnten.
Hier sagte Aglibol:
„Jaribol, dir soll ich den Kopf abhauen.“
„Du bist wohl,“ versetzte Jaribol, der Arzt,
„wieder berauscht. Ich werde dich kurieren,

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