Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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Planloser Abend
Herwarth Walden
.Wohin soll man ausgehen, wenn man nur
ausgehen will. Ohne Verabredung. Allein.
Drei Uraufführungen standen zur Wahl, sie
sind sämtlich verschoben. Man wollte sich
nicht gegenseitig Konkurrenz; machen. Da-
her finden sie alle später wieder an dem-
selben Abend statt. Man geht also einfach
aus. Steht auf dem Potsdamer Platz, um zu
einem Plan zu kommen. Betrachtet die Kak-
teen einer Blumenhandlung, die der deutsch-
nationale Hotelpage laut als modern-republi-
kanischen Blumenkohl ablehnt. Die Damen
der Straße zwingen zum Weitergehen. Sie
haben seit einem Jahrzehnt stets denselben
Standplatz. Nur die Kleider sind jünger ge-
worden. Pompöse Beleuchtung eines Film-
palastes. Also doch Uraufführung: Sif das
Weib, das den Mord beging.“ Das könnte
mich reizen. Denn über ein Buch dieses
Namens habe ich vor einigen Monaten in
der „Frankfurter Zeitung“ geschrieben. Trotz-
dem ich das Beste daran anerkannte, schrieb
mir der Autor einen furchtbar bösen Brief,
er würde zu schreiben aufhören, wenn er
von Leuten meines Schlages geschätzt wer-
den könnte. Er scheint seine Drohung mit
diesem Brief wahrgemacht zu haben und ist
zur Filmliteratur offenbar übergegangen. Das
reizt mich. Ich zahle meinen Einheitspreis
und komme gerade zur Pause von zwanzig
Minuten zurecht. Die anderen sind auch
schon da. Zum Sparausgleich für die Außen-
beleuchtung ist innen Dämmerlicht. Man kann
daher die Pause nur mit Ankauf von Pfeffer-
minz und Betrachtung der Zeitgenossen aus-
füllen. Links von mir sitzen zwei Herren,
rechts zwei Damen. Die Herren sind offen-,
bar Filmkritiker. Sie reden von Bilderverleih
Die Damen rechts betrachten ihre Flor-
kniee. Seit der Verkürzung 3 er Konfek-
tion steigern sich die anatomischen Kennt-

nisse. Früher hat man kaum etwas von
Beinen gewußt. Jedenfalls gehört der Strumpf-
industrie die Gegenwart. Indessen wird die
Pause von der EmelkajWoche abgelöst: „Be-
such des amerikanischen Oberbürgermeisters
in Berlin, der zu großen Meinungsverschjie-
denheiten Anlaß gab.“ Vornehmer und neu-
traler läßt sich ;Hotelpolitik gar nicht mehr
ausdrücken. Hieraus ergibt sich der Kultur-
film „Bayrischer Wald“^ der laut Beschrif-
tung nach wie ,vor auf sich beruht. Also
nicht einmal in den Hotelstreik eingreift. Es
folgt das Drehbuch Sif. Der Autor hat sich
tatsächlich alles ausdrehen lassen und seine
Heldin im 'Film zum Schluß glücklich ge-
macht, während sie im Buch schlicht stirbt.
Doch das ist Filmkritik und muß den „be-
rufenen Federn“ überlassen bleiben. Bei der
Heldin fallen die Seidenstrümpfe auf. Sie hat
ihre Farbe gefunden. Denn sie trägt das-
selbe Paar während einiger Jahre und wäh-
rend einer Reise nach Uebersee und zurück.
Trotz erheblichen Angriffen( von Lüstlingen
und Polizeibeamten bleiben die Strümpfe we-
nigstens unversehrt. Ich warte vergeblich auf
die angebrachte und leicht anzubringende Re-
klame einer Strumpffabrik. Sonst schneidet
die Dame die entsprechenden Gesichter. Man
nennt das glaube ich Psychologie. Das Pu-
blikum hat wohl das Buch nicht gelesen und
ist von den Geschehnissen leicht verwirrt.
Plötzlich Applaus bei offener Leinwand. Der
Herr, der die Dame mit den unzerreißbaren
Seidenstrümpfen verführt hat, erwartet zu die-
sem Zweck gerade eine andere Dame. Statt-
dessen erscheint ein >dicker Herr namens Leh-
mann, der Bruder jener Dame, und ohrfeigt
den Gent. Wirklich ehrliche Begeisterung des
Publikums. Die Episode hat den Erfolg. Beim
Herausgehen lerne ich noch etwas von Film-
kritik: „Verschwendung, Paul Wegener eine
Episode spielen zu lassen. Das kann keinen
Erfolg geben.“ Und dabei hat er doch vor
dem Erfolgsherrn eine halbe Stunde ein furcht-
bar böses Gesicht gemacht. Mein Abend je-
denfalls ist verbracht

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