Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

Page: 73
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/sturm1927_1928/0082
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
USSR 1927
Herwarth Walden
Man hat in Europa sehr viel von den ver-
abscheuungswürdigen Theorien und Praktiken
des Bolschewismus gehört und gelesen. Man
hat sogar Vereine gegen ihn gegründet. Nach
europäischen Berichten beschäftigt sich die
Regierung nicht nur mit Mord und Totschlag.
Sie hat sogar eigens Hungersnöte veranstal-
staltet, um das große Sterben zu beschleuni-
gen. Ich will die Vergangenheit nicht unter-
suchen, nur leidenschaftslos darstellen, wie
sich dem unbefangenen Betrachter Stadt und
Dorf im Sommer 1927 zeigt. Hinter der
Paßmauer auf der wenig überschrittenen
Grenze des südlichen Podoliens fern von
Moskau der Bahnhof. Paß- und Zoll-
formalitäten genau wie bei jedem Grenz-
übergang ins Ausland. Größte Sauber-
keit und Ordnung. Gepäckträger mit Tarif.
Die Züge fahren pünktlich ab. Wartesaal mit
billigem Büfett. Vom Bolschewismus noch
nichts zu merken, den man sich als lebenden,
feuer- und giftspeienden Tank vorzustellen
hat. Man will den Reisenden erst weiter ins
Land locken. Die Abteile der Eisenbahn sind
normal. Die mitfahrenden Bolschewisten ohne
Waffen. Vielleicht haben sie sie raffiniert ver-
steckt. Jedenfalls tragen sie kein Messer zwi-
schen den Zähnen, wie es sich für berufs-
mäßige Kannibalen gehört. Nach drei Stun-
den Fahrt entschließe ich mich, auf irgend-
einer Station auszusteigen. Ich habe oft ge-
lesen, daß man in Moskau für die Reisenden
neue Potemkinsche Dörfer gebaut hat. Ich
möchte gern ein Dorf ohne Potemkin sehen.
Viele scheinbar waffenlose Männer, Frauen
und Kinder stehen auf dem Bahnhof. Man
hat den Eindruck: Sommerfrische. Sofort
greift ein Mann nach meinem Koffer. Der
Bolschewismus beginnt noch immer nicht. Er
will mir nur tragen helfen. Sieht im übrigen
aus, wie der Herr Abraham, nicht aus Ber-

lin, sondern wie der gemalte aus der Bibel.
Da er mir russische Kenntnisse nicht zutraut,
spricht er jiddisch, was er seinerseits für
deutsch hält. Diese Sprache ist aber nach
wenigen Minuten zu erfassen, sie besteht in
einer fantastischen Vertauschung der Vokale,
eine Art Silbenrätsel. Ich erfahre, daß ich
mich in der Kreisstadt Proskurow befinde, die
unter dem Zaren ein beliebter Ausflugsort
für Pogrome gewesen sein soll.
Die sind von den Bolschewisten abgeschafft
worden, weil sie dem Volk keine solchen
Vergnügungen gönnen. Der Herr Abraham
oder vielmehr der Genosse Abraham, oder
wie er heißen mag, erklärt mir, daß man
jetzt nach einigen hundert Jahren endlich ruhig
schlafen könne. Mei ne schüchterne Frage, ober
Bolschewist sei, weist er entrüstet zurück.
Er sei unparteiisch. Also habe ich sofort den
Gewährsmann, den der unpolitische Auslän-
der braucht. Wir sind indessen auf dem
Markt angelangt, auf dem ein Denkmal Le-
nins steht. Kein Zar hat es zu einem Monu-
ment in dieser Stadt gebracht. Der Lenin war
ein guter Mann, sagt mein Begleiter. Ob er
doch ein Bolschewist ist? Ich werde es schon
ergründen. „Es sind wohl wenig Unpartei-
ische in der Stadt?“ „Das kann ich Ihnen
ziemlich genau sagen, ich bin Mitglied des
Sowjets. Wir haben etwa 30 000 Unpartei-
ische und 3000 Parteiische.“ „Mit welchen
Mitteln werden nun die Unparteiischen unter-
drückt?“ Der Mann stiert mich verständ-
nislos an. „Wissen Sie 'denn nicht, daß wir
Revolution gehabt haben und alle freie Men-
schen sind!“ Der Mann wird mir verdäch-
tig, er hat offenbar die berühmte Bolschc-
wistenfurcht und hält mich für einen Spion.
Ich verabschiede mich höflich und da ein
Kutscher mich gerade fragt, ob ich fahren
wolle, steige ich ein. Mich locken eben Ge-
fahren. Nach einigen Stunden Fahrt, vorbei
an blühenden Feldern und großen Viehher-
den laße ich irgendwo halten und steige aus.
Ein großes Dorf. Hier wird man objektiv
sein. Bauern sollen weniger Angst haben.

73
loading ...