Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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Acht Seligkeiten und
Mandelblüten
Edmund Palasowsky
Es ist auch in diesem denkwürdigen Winter
geschehen, als ein verworfener Obsthändler
in der Stadt sein Unwesen trieb. Er verkaufte
vergiftete Kastanien und hat ungeheuer viele
Menschen verzaubert, bis er seine verdiente
Strafe empfing.
Ein Priester kaufte auch. Pater Gä. Es ge-
schah also das folgende mit ihm.
Er geht in den Tempel hinein und beginnt
seine Predigt über die acht Seligkeiten. Plötz-
lich, wie vom Teufel besessen, spürt er etwas
Warmes in der Brust und er dreht alles völ-
lig rückwärts. Als ob irgendeine unglaubliche
Leere drinnen wäre, wo das Herz pocht, und
blühende Aprikosenbäume dort auf und abstei-
gen. Tick-tack! Liebe, Auge und Schimpf-
worte, Periode von Küssen und Jahre des
Treppenlaufens, die man nie wieder gutma-
chen kann — — die alle tauchen in einem
winzigen Zeitraum auf. Erinnerungen — eine
lahme Sahara oben, die alles bedeckt, — es
schmerzt es schmerzt — aber diese Apri-
kosenbäume unter der Sahara-Decke, diese
blühenden Aprikosenbäume, sie steigen nur
immer auf und ab. Regionen, Regionen und
Schwindel und Schluchten — nun auf den
Stiegen, hinauf, nur hinauf, schleppen nur
schleppen diese ungeheuer schwere Habe!
Wie man gebunden ist — und wie man fürch-
tet, wie sehr! o dieses Gedränge! — Aber
die Aprikosenbäume steigen ohne Rast, wa-
rum hat alsoi niemand nie ein Wort von
diesen erzählt? Warum sagen wir also immer
anderes, als was Aprikosenblüte ist, als was
fliegt und klopft — ja diese lassen die Men-
schenherzen klopfen . . .?
Und als ob er schwimme -— rot rot. Und
so fängt er an mit warmen Augen:

„Selig sind, die da reich sind, denn sie fah-
ren ohne Bagage, selig sind, die voll von
Kämpfen und vom Reichtum der Räusche
sind. Unselig sind nur die Armen.“
Eine der Gläubigen wankte, als wenn man
sie an die Stirne geschlagen hätte, dann be-
gann sie am ganzen Leibe zu zittern. Außer
ihr aber wurde niemand irgendetwas Selt-
sames gewahr. Der Kerl hält es auch schon
mit den Reichen! brummte ein Steinhauer
mit rotem Schnurrbart. Die Aprikosenbäume
aber winkten ohne Ruhe:
„Selig sind, diei da lachen, denn was für
ein Unterschied ist zwischen den Tränen vom
Weinen und denen vom Lachen? Man hört
bei der Morgenröte das Wimmern der Ge-
liebten, doch wer hat am Scheiterhaufen ge-
weint? Selig sind die Lachenden, die in vol-
ler Lust verbrennen, denn die Wehmut des
Schaffens gehört ihnen.“
„Selig sind, die nicht einmal nach der Ge-
rechtigkeit dürsten, es ist die Wahrheit im-
mer anders, das Gesicht der Wahrheit gährt
doch immer — selig sind die Gährenden,
übergebt euch dem Hämmern, ihr sollt nach
Küssen dürsten, nach Tiefe und nach Höhe!“
Wahrlich! diese schweren Schuhe reiben die
Knöchel auf und es drücken auch die Kleider.
Bei Nacht auf die Landstraße laufen, wenn
es sein kann, daß den Graben entlang Tote
liegen — einsam im finsteren Zimmer und
im Walde, Angst vor Visionen und vor
schrecklichen Stimmen des Windes haben —
nein nein — so eingekerkert sein! und so
stehen! nur stehen! vereinsamt und nicht ein-
mal den Mut haben, jemandem die Arme ent-
gegenzustrecken! . . . Doch sie nur, die Apri-
kosenbäume begegnen den Toten und wie
schön die Toten sind . . . Tick-tack! Flächen
öffneten sich nun, die scharfen Kiesel spran-
gen auf wie Kastanien, und es zerstreute
sich das liebe grüne Licht — es ist dann
doch eine Freude, da drin zu gehen. Grün!
grün! Aha! darum also strahlt der, der
predigt.

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