Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 18.1927-1928

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Risto Ratkovic
Tote Handschuhe
Erinnere mich nicht mehr — warum ich und
mein Vater zankten und fingen an zu raufen.
Wo wir uns schlugen, auf jeder Stelle fiel
dieser Teil des Körpers ab. Endlich zer-
stückten wir uns ganz. Und, da wir schon
nirgends zu hauen hatten, rief ich: „Vater,
wer waltet über uns - wir müssen alles
zurückgeben, was er uns gab.“ Und, in
Zeichen des Protestes, klaubte ein jeder sich
selbst zusammen, ein jeder packte sich selbst
zusammen, damit wir uns so zusammen-
gepackt irgendwohin mitnehmen, ich erinnere
mich nicht mehr, wohin.
*
In einer schmalen Gasse vorübergehend, hörte
ich plötzlich mächtigen Gesang aus einem
Salon. Ging hinein, um zu sehen. Der
Salon war voll mit Dirnen, meistens halb-
nackt. Sofort, als ich eintrat, liefen sie aus-
einander, die Gaste kamen in großen Scharen.
Jedem Gast als er eintritt, befahl ich in ein
Fauteuil sich zu setzen, und wußte, daß jeder
verschwinden werde, um in einem Hühner-
stall aufzuiauchen. Da erschrak ich vor einer
möglichen Rache und faßte meinen Revolver.
Im selben Augenblick schlugen ungeheuere
Wellen der Finsternis gegen das Fenster von
außen. Damit ich diese Finsternis verjage,
fing ich an, am Klavier Licht zu spielen.
Nach einem innerlichen Takt erglühten in
in der Luft Lichter und erlöschten, demnach,
wieviel Licht-Töne ich am Klavier erzeugte.
Indessen wurde die Finsternis immer dichter,
^tter und voll Insekten. Als ich hörte am
Himmel Donner grunzen wie schwarze
Schweine, schoß ich ins Klavier und alles
zerfiel. Von irgendwo hörte ich etwas wie
Widerhall meiner Wörter aus ferner Ver-
gangenheit.
*

Meine Mutter tragen sie tot in den Friedhof
den Vater führen sie im selben Zug zur
Hinrichtung. Unterwegs begegneten wir auf
der Brücke noch einem Zug. Auch ein Toten-
begräbnis, aber der Tote sitzt am Platz des
Kutschers stracks. In der Mitte der Brücke
erwachte der Tote und rief laut seinen Namen,
dessen ich mich niemals erinnern kann.
Offiziere mit Säbeln stürmten auf ihn los,
dann gesellten sie sich dem Zuge meines
Vaters und meiner Mutter.
Im Friedhof erschien mir die tote Schwester.
Sie schaute mich mit Vorwurf an, als ob sie
sagen wollte: warum empörst du dich nicht?
dann trat sie zum Vater und tröstete ihn
verzweifelt. Er war bleich. Ich konnte nicht
weiter aushalten, wollte so laut schreien, daß
sich davon der ganze Zug, samt Soldaten
und Pfarrern, in die Luft heben müßte. Von
dieser Anstrengung erwachte ich.
Es freute mich unmäßig, daß dies nur Traum
war, doch, es war mir sehr leid, daß ich
mich von der Schwester trennen mußte. Ich
schrieb ihr diesen Brief:
MARUSCHA RATKOVIC
KLINGENDER SAAL GOLDENER HEMDEN
HIMMEL
„Komm auf jene Quelle - ich warte dich
im Brote.“
Den Brief steckte ich in die Tasche und ging
spazieren. Es war ein heller Tag. Nach einer
Zeit sah ich, wie der Himmel sich auf die Erde
stürzt in viereckigen Säulen Sonnenblaus. Diese
Säulen waren durchsichtig und immaterial,
durch sie ging man wie durch ein Paradies.
Freudig herumirrend, erblickte ich in einem
Baume meine Schwester, die meinen jetzt bald
geschriebenen Brief las. Neben ihr, als ich
mich näherte, sah ich auch SIE, das Mädchen
aus meiner Kindheit. Sie versuchte auch
meinen Brief zu lesen, beide weinten. Zu
ihnen tretend erbebte ich vor Entzücken. Sie
erwarteten mich in ihr Umarmen, weinend.

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