Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf.

XXII. (Mit Abbildung.)

39. Hochgotisches silbermontiertes Ko-
kos-Reliquiar des Domes zu Münster.
(Katalog Nr. 542.)
Häufig begegnen glatte wie mit einge-
schnittenen Ornamenten und Darstellungen
versehene Kokosnüsse als Kern für Pokale
und Reliquiare in der Renaissance, äufserst
selten in der gotischen
Periode; die hier abgebil-
dete, bereits im XIV. Jahrh.
gefafste, erscheint aus diesem
Grunde, wie ihrer ganz
schwarzen, glänzenden Fär-
bung wegen, als eine Selten-
heit ersten Ranges. Dafs
sie als solche auch damals
schon geschätzt wurde, be-
weist ihre Montierung, na-
mentlich ihre Bekrönung
durch die viel ältere Berg-
kristallfigur, die stets, und
besonders auch um diese
Zeit, als grofse Merkwürdig-
keit und Kostbarkeit galt.
Aus Arabien, der Heimat
des Kristallschnittes, schei-
nen diese fast immer für
die Bergung von Reliquien
ausgehöhlten Figuren und
Phiolen desX. und XL Jahrh.
manchmal erst einige Jahr-
hunderte später ins Abend-
land gekommen zu sein,
wo sie sich in den Kir-
chenschätzen, namentlich
Deutschlands, zumeist als
Reliquienbehälter gefafst,
nicht gerade zahlreich er-
halten haben. (Vergl. die
ziemlich vollständige Auf-
zählung derselben in der
Abhandlung von G. Humann »Beiträge zur Ge-
schichte von Stadt und Stift Essen«, Heft XVIII.
S. 5—17.) — Im vorliegenden Falle handelt
es sich um eine Löwenfigur, die durch
Umdrehung des Kopfes und Ausrüstung mit
einer Siegesfahne in ein Lamm verwandelt
ist, ohne Zweifel, um die nähere Beziehung
zum Behälter herzustellen, der aber wohl
kaum als Ciborium gedient haben könnte,

eher zur Aufbewahrung eines, in der da-
maligen Zeit der Regel nach aufs kostbarste
gefafsten Agnus-Dei von Wachs. Die einge-
schnittenen Palmettenverzierungen, die für diese
arabischen Bergkristalle als geradezu charakte-
ristisch bezeichnet werden dürfen, hatten hier
die Schenkelmarkierung, die freilich zum Lamm
wenig pafst, bewirkt, und
gekerbte Einschnitte mar-
kieren den Schwanz. Unge-
mein roh ist die Befestigungs-
art der vergoldeten Kreuz-
fahne, die mit dem plumpen
Halsband in Verbindung
gesetzt ist; und von diesem
zweigt, wiederum mittelst
eines Scharniers, das die
Horizontalhöhlung der Figur
verdeckende rohe Plättchen
ab. Desto feiner erfunden
und ausgeführt ist die über-
aus einfache Silbermontie-
rung, die in der ringsum
ausgezackten Einfassung, den
drei mit ausgesparter Ranke
verzierten, vergoldeten Ver-
tikalbändern, dem ebenfalls
ausgezackten kleinen runden
Trichter mit Fufs besteht,
durch ein zierlich, gewul-
stetes vergoldetes Ananas-
knäufchen mit ihm ver-
bunden. In diese ein-
fachen Formen gliedert sich
das flache Manubrium mit
seinen kräftigen Rippen vor-
trefflich ein, gerade zu dem
schmucklosen runden Fufse
höchst passenden Übergang
bildend. Als Verbindungs-
(zuweilen auch Bekrönungs-)
Ring schon im XIII. Jahrh. auftauchend, hat
es sich bis ins XV. Jahrh. erhalten. — Die
an sich nicht gerade leichte Lösung ist hier
durch einen wohl zweifellos westfälischen,
Goldschmied der zweiten Hälfte des XIV. Jahrh.
so harmonisch geboten, dafs das Auge mit voller
Befriedigung weilt auf diesem in jeder Hin-
sicht originellen Reliquiare, zu dem mir keine
Parallele bekannt ist. Schnutgen.
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