Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Bücherschau.

Künstlerische Entwicklung der Weberei und
Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises
von der spätantiken Zeit bis zum Beginn des XIX.
Jahrhunderts, mit Ausschlufs der Volkskunst. Von
Professor Dr. Moritz Dreger, Kustos am k. k.
österr. Museum für Kunst und Industrie, Leiter der
Textilabteilung daselbst etc.. Verlag der k. k. Hof-
und Staatsdruckerei. Wien 1904. Preis der drei
(starken Leinwand-)Bände (1 Band Text. 2 Bände
mit 20 Tafeln in Farbendruck, 167 in Lichtdruck.
161 in Klischees, im ganzen 722 Einzelabbildungen)
114 Kronen = 95 Mk.
Im Anschlufs an seine 1901 erschienene „Ent-
wicklungsgeschichte der Spitze" veröffentlicht das
k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie das
vorliegende Werk, in vortrefflicher Weise eine sehr
schwierige Aufgabe lösend, die ganz im Rahmen
seiner Sammlungen und Ziele liegt. Riesengrots ist
das vorhandene, weit zerstreute Material, dank vor
allem dem Sammeleifer der letzten Jahrzehnte, ver-
hältnismälsig gering aber ist die Ausbeute, die es
bis jetzt erfahren hat, denn der Forscherkreis ist
eng und manche Frage der Herkunft, des Alters, der
Deutung, selbst der Technik harrt noch der Ant-
wort. Mit dem Rüstzeug, welches die genaue Kenntnis
der Objekte und ihrer Literatur an die Hand gibt,
und mit der vollen Verfügung über die sie prüfenden
kunst- und kulturgeschichtlichen Erfahrungen ist der
Verfasser frisch an die Arbeit gegangen. Dafs er
die Weberei und Stickerei, die auf ihrem langen Wege
durch die Geschichte der Kultur aus denselben Quellen
geschöpft, sich gegenseitig unterstützt und ergänzt
haben, zusammen behandelt, liegt in beider Interesse;
dals er für die Gobelinmanufaktur und Teppich-
wirkerei, wie für die eigentliche Hausindustrie Spezial-
Werke reserviert, ist durchaus verständig. Da die
Untersuchungen überall an die Originale anknüpfen,
so durften nicht nur die vom öslerr. Museum ge-
sammelten zu Worte kommen, so berechtigt das Be-
streben ist, die in den näher gelegenen öffentlichen
und privaten Sammlungen befindlichen vor allem
heranzuziehen. Weit über diesen Rahmen hinaus-
greifend, bietet der Verfasser ein sehr geschickt zu-
sammengestelltes, überall die künstlerischen Zusammen-
hänge betonendes Entwicklungsbild und in demselben
bilden allerlei technische Illustrationen sehr dankbare
Erläuterungen, wie zahlreiche, Gemälden und Statuen
entlehnte ornamentale Abbildungen die Verwendung
mancher Stoffe sehr lehrreich veranschaulichen.
Sämtliche Reproduktionen sind tadellos, am zuver-
lässigsten natürlich die aus den neuesten photographi-
schen Aufnahmen entwickelten. — In der ..kurzen
Erläuterung der wichtigsten heute üblichen
Webearten und ihrer Benennungen" wäre
wohl ein Hinweis auf die später gelegentlich er-
wähnten Rohmaterialien, wie auf deren Färbungsmittel
angebracht gewesen. — Der I. Abschnitt behandelt
das Auslaufen der spätantiken Überliefe-
rung, namentlich die ägyptischen Stofffunde, deren
Techniken und Musterungen, sowie die sasanidischen Fi-
gurenstoffe, endlich das Verhältnis der Stoffe des Mittel-
meergebietes zu denen der östlichen Lander, namentlich

der ostasiatischen mit ihren naturalistischen Motiven.
— Die Spaltung der östlichen Mittelmeer-
kultur und die byzantinische Kunst wird im
II. Abschnitt erörtert und manche diesem Kreise
entstammende Perle der Textilkunst beschrieben. —
Der III. Abschnitt: Die Begründung der
süditalienischen Textilkunst zeigt die eigent-
liche Brücke zum Abendlande, die von den Arabern
in Sizilien geschlagen wird, und sie leitet im IV.
Abschni tt zur oberitalienischen Textil-
industrie über, die durch ihren, hier zum ersten-
mal nachgewiesenen (so zu sagen psychologi-
schen) Zusammenhang mit der ostasiatischen Kunst
(Strahlenmotiv, dreifaches Mondvotiv) auffällt, im
übrigen schon sehr viel Selbständigkeit verrät, ohne
zur vollen Gotik sich herauszugestalten, so sehr
auch das Granatapfelmuster (des V. Ab-
schnitts), welches das ganze XV. Jahrh. und einen
Teil des XVI. beherrscht, als solche erscheinen
möchte. In ihm vermählt sich mit der Weberei die
Stickerei, die das Mittelalter in die nördlichen Län-
der (VI. Abschnitt) längst eingeführt hatte, nament-
lich als Borten, die als gewebte Erzeugnisse vom
Verfasser nur nebenbei erwähnt werden, wohl wegen

, ihrer aparten Technik. Sehr eingehend werden hier
mit Recht, zumeist an der Hand mittelalterlicher

' Schatzverzeichnisse, deren gründliche Beach-
tung einen der Hauptvorzüge des Buches bildet, die
einzelnen Sticharten besprochen. Hinsichtlich
derselben herrschen noch mancherlei Miisverständnisse,
und Verständigung wäre hier sehr wünschenswert,
namentlich in bezug auf klare und feste Bezeich-
nungen, wie sich mehrere derselben, als: Lasurstich,
Modellierstich, Zierstich, Sprengverfahren, in den
letzten Jahrzehnten leicht eingebürgert haben. Die
hier erwähnten Netzstickereien (Filet mit eingestopften
Ornamenten), schon im XIV. Jahrh. als Kopfschmuck
gebräuchlich, dürfte mehr als Vorläufer der Spitzen
zu betrachten sein. — Weberei und Stickerei, bis
zum Schlufs des Mittelalters, hier mehr getrennt
behandelt trotz der Präponderanz und Führung der
ersteren, werden vom VII. Abschnitt: „Weberei
und Stickerei der Renaissancerichtung",

I gemeinsam vorgeführt, obwohl bei jeder von beiden
die Selbständigkeit mehr in den Vordergrund tritt,
was die Abschnitte VIII, IX und X, Barock,

] Rokoko (in dessen Naturalismus zum drittenmale die
ostasiatischen Anklänge wiederkehren), Klassizismus
und Naturalismus in wachsendem Mafse zeigen, zuletzt
durch den Jacquardstuhl begünstigt.

Ein enormes, zwei Jahrtausende umfassendes, in

technischer, stilistischer, kulturgeschichtlicher Hinsicht

überaus denkwürdiges und lehrreiches Material ist

: hier in einheitlicher Behandlung zu einem grolsartigen

Entwicklungsbilde zusammengestellt, in dem die Fäden

', hin- und herspielen. Nicht nur der Sammlungsdirektor,

: für den die Textilien bisher ein schwieriges Kapitel

. bilden, findet hier seine Rechnung, auch der Kunst-

1 historiker und Archäologe, der Musterzeichner und

die Stickerin, der Symboliker und Heraldiker usw.

Manche Zweifel sind der Lösung näher gebracht,

| manche Kombinationen aufgestellt, manche Lücken
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