Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904.— ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf 1902.

XXVIII. (Mit Abbildung.)

49. Figurierter Elfenbeinbecher in Sil-
bermontierung als Reliquiar des
Domes zu Münster (Katalog Nr. 547).
Wie bereits in der altchristlichen Periode
antike Tempelsäulen in den

' Bau christlicher Kirchen,
heidnische Sarkophage und
Becken als Tauf- oder Weih-
brunnen eingeführt wurden,
so war es auch im Mittelalter
vielfach üblich, heidnische
Gebrauchsgegenstände, na-
mentlich Schmucksachen, als
Zierrat oder Gerät, dem christ-
lichen Kulte zu weihen, wie
profane Kostbarkeiten aus
älterer oder späterer Zeit für
liturgische Zwecke zu benut-
zen, sei es wegen ihres Kunst-
wertes, wegen der Traditio-
nen, die sich an sie knüpften,
oder aus symbolischen Grün-
den. Dafs kostbare Behälter
auch schon bald nach ihrer
Entstehung ihre profane Be-
stimmung mit einer kirch-
lichen zu vertauschen hatten,
beweist unter anderm das
hier abgebildete Reliquien-
gefäfs von 38 cm Höhe, dessen
Kern ein Elfenbeinbecher mit
neun reliefierten Ritterfigu-
ren aus dem Ende des XIV.
Jahrb.. ist. Sie sind gekrönt,
bis auf eine, die Stirnband
trägt; haben Spitzschuhe,
Lederhülsen um die Kniee,
kurzen Rock mit langen
Schleppärmeln, Mantel um
die Schultern, der vorne
durch einen Knopf geschlos-
senist, gekräuselten Bart (mit
Ausnahme von zweien, die
ganz bartlos sind). Über der
Krone wallt Schleier als
Helmzier; die Hände hangen zumeist herab, die
linke, indem sie den an die Schulter gelehnten
Turnierschild hält (dessen Wappen in Löwe»
Hirsch, drei Tierköpfen, drei Kronen, Lilien etc.

bestehen). Die schlanken, nur durch Mantel und

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Schild in die Breite entwickelten, ähnlich, doch
im einzelnen verschieden gestalteten Ritter
treten, durch ein in Elfenbein belassenes Streif-
chen ganz knapp geschieden, nur schwach aus
dem Grunde hervor und
machen einen etwas sche-
matischen Eindruck. Hal-
tung und Tracht weisen auf
den Schlufs des XlV.Jahrh.
hin, und schon die krolli-
gen Zapfenhaare machen
den westfälischen Ursprung
höchst wahrscheinlich. Kurz
nach seiner Entstehung
scheint dieser, wohl schon
damals als Seltenheit gel-
tende Becher, zum Reli-
quiar bestimmt und in die
vorliegende silberne, teil-
weise vergoldete Fassung
gebracht worden zu sein,
die den ersten Jahrzehn-
ten des XV. Jahrh. ange-
hören und gleichfalls in
Westfalen entstanden sein
dürfte. Der Vierpafsfufs ist
ganz glatt, ebenso der
sechseckige Schaft, der von
einem flachen ä jour-No-
dus unterbrochen wird und
in einen sehr geschickt
konstruierten, ganz origi-
nellen, aus Krabbenleisten
und Mafswerkdurchbrechun-
gen gebildeten, ovalen weil
der Grundfrom des Bechers
angepassten Trichter über-
geht. Diesen schliefst nach
unten wie nach oben ein
Zinnenfries ab, hier als Über-
gang zu dem ganz ein-
| fachen, nur durch Schup-
pe pen verzierten Helm mit
durchsichtigem Blätterknäuf-
chen. — Durch edle, fein
empfundene Einfachheit zeichnetsich diese Mon-
tierung aus, sehr geeignet, dem Becher, um des-
sen Hervorkehrung es sich ja vornehmlich
handelte, besondere Geltung zu verschaffen, auch
im kirchlichen Gebrauch. Schnütgen.
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