Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

Seite: 365
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1904/0232
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
365

1904.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

366

Ein Rückblick auf die „moderne Kunst"

in der international en Kunst

In unserer Seele, dieser tiefen, verborgnen
Welt, schläft unter andern eine sehr wirksame
Kraft, die Bildnerin der Gestalten.

Sie wirkt in der Kraft, sie wirkt in der Macht,
mit der der Schöpfer wirket. O erschüfe sie also
immer auch mit seiner Weisheit, mit seiner
Güte, mit seinem Verstände! Ihr gebt uns
geistige Welten; ihr heißt uns lieben und hassen,
Dichter, darstellende Künstler! Laßt uns nur das
Wahre, das Gute lieben, und bewahrt uns vor
dem Schattenreiche Plutons. Was haben wir ge-
sündigt, daß wir durch euch wie Ixion, Sisyphus
und Tantalus gequält werden müssen? Schafft
heilbringende Gestalten, göttliche Bilder!

O wer den Ring, den Ring der Göttin hätte,
Der jeden Wahn verscheucht, der freundlich trüget,
Vor dem der falschen Kunst, der Gorgonette,
Die Larv' entfällt, die schädlich uns vergnüget,
Den Ring, in den sich an der Anmut Kette
Das Innigste zum Innigsten sich füget;
Er würde, frei von Dunst und Zauberbinden,
Nur Wahrheit schön, nur hold die Güte

finden."

I.

(Früchte aus den sogenanntgoldenen
Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts.
Von Johann Gottfried von Herder
(1801—1803). Herausgegeben von
Johann Georg Müller. Stuttgart und
Tübingen, 1830. S. 138 u. w.)

oraz, der in seiner Epistel an die
Pisonen schon in den einleitenden

Worten des Malers gedenkt, ge-
stattet uns hierdurch, das, was er
vom Dichter verlangt, auch auf den bildenden
Künstler anzuwenden. Seine Anschauungen
sind aber keineswegs neu, und wie sie in der
griechischen Kunst fort und fort herrschend
geblieben, und, wie Jungmann in seiner Ästhe-
tik1) sagt, auch in Rom unbestrittene Geltung
hatten, und zwar gerade während der Blütezeit
der lateinischen Literatur, so treffen wir sie
allenthalben, wo nur irgendwo die Künste im
Kulturleben der Völker zu nachhaltigem Er-
blühen gelangten. Deshalb können auch wir
hier das Begehren eines Horaz und jener übri-
gen, in Kunst und Wissenschaft mafsgebend
gewordenen Männer nicht unbeachtet lassen,
wenn wir zu objektivem Urteile über die uns
heute dargebotenen Werke gelangen wollen.

Zweck der Kunst war jederzeit: die Ge-
müter für das Große und Edle, das Gute und
Schöne zu begeistern, religiöse und sittliche
Ideen zu wecken und mit Enthusiasmus für

ausstellung zu Düsseldorf 1904.

den Ruhm des Vaterlandes zu erfüllen! Niedrig
dachte niemand von der Kunst, was schon
Horaz in besagtem Briefe an Calpurnius Piso
und dessen Söhne (v. 406) mit dem warnenden
Worte ausspricht:

,,damit du über deine Liebe
zur Muse mit der goldenen Lyra nicht errötest."

Deutlicher noch äußert sich der uns in
der Zeit und als Christ näher stehende Leib-
niz2) über Zweck und Ziel der Kunst. Er
sagt: „Wozu liest man oder hört man die
Darstellung historischer Tatsachen, als um
das Bild derselben in seinen Geist aufzuneh-
men und es zu bewahren ? Aber die auf
solche Weise gewonnenen Bilder werden nicht
bloß schnell wieder verwischt, sondern sie sind
auch keineswegs immer ganz deutlich und
lichtvoll. Unter dieser Rücksicht muß uns
die Malerei und die Skulptur als ein besonders
wertvolles Geschenk Gottes gelten. Denn diese
zwei liefern uns bleibende Bilder, in welchen
sie die Erscheinungen in genauer und lebendiger
Darstellung, die sich überdies noch durch
ihre Schönheit empfiehlt, zum Ausdruck bringen:
und indem wir diese Bilder betrachten, frischen
sich die inneren Bilder in unserem Geiste
wieder auf und prägen sich, wie dem Wachse
das Siegel, der Seele tiefer ein. Wenn nun
aber hiernach die Schöpfungen der bildenden
Kunst so vorteilhafte Wirkungen hervorbringen,
auf welchem Gebiete haben wir dann mehr
Grund, diese Künste zu verwerten, als auf
demjenigen, wo uns an erster Stelle daran
liegen muß, daß die Bilder in unserer Seele
so dauerhaft und so wirksam seien als mög-
lich, das heißt dort, wo es sich um die För-
derung des religiösen Lebens handelt und um
die Verherrlichung Gottes? „Muß ja doch
überhaupt immer, wie bereits früher her-
vorgehoben wurde, der Wert und die prak-
tische Bedeutung einer jeden Kunst
und Wissenschaft vor allem darin
sich bewähren, daß sie dazu dient,
Gott den Herrn zu verherrlichen." —
Und wenn wir, um nichts zu versäumen,
und — um auch „modern" zu sein —
nach den Bestimmungen Umfrage halten,
nach denen in früheren Zeiten wahrhaft große
Künstler ihre Werke geschaffen, dann hören

*) Bd. II, »Die schönen Künstec, S. 162 (Frei-
burg im Breisgau, 1886).

-) M. s. Jungmann an ob. Stelle, S. 165.
loading ...