Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904.

— ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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Zur marianischen Symbolik des späteren Mittelalters.
Defensoria inviolatae virginitatis b. Mariae.

III. (Schluis.)

as Bayerische Nationalmuseum er-
warb im Jahre 1903 fünf Teile
|' von Chorstuhlwangen aus der Stifts-
II kirche von Berchtesgaden, welche
schon durch ihr hohes Alter — wir dürfen sie
ohne Bedenken in die Frühzeit des XIV. Jahrh.
setzen — noch mehr aber durch die Symbolik
ihrer Bildwerke hohes Interesse beanspruchen;
dabei zeugt die Ausführung von einer ge-
wandten Künstlerhand (Abb. 4—8). Betrachten
wir zunächst die Wangen nur nach der rein
formalen Seite. Die erste Wange (Abb. 4) zeigt
zwei sich ineinanderschlingende drachenartige
Ungeheuer; die übrigen vier Teile geben
bezw. gaben in ihren reich durchbrochenen
Füllungen je zwei Tierdarstellungen. Ein
Wangenteil (Abb. 5) zeigt oben einen Löwen mit
den Jungen, unten den sich opfernden Pelikan;
die Ranke entlehnt ihre Blüten wohl der Rose,
ihre Blätter gemahnen an den Löwenzahn,
können aber auch als streng stilisierte Rosen-
blätter angesehen werden. Als Gegenstück ist
die mit ähnlichen Rosetten ranken gezierte
Wange (Abb. 6) anzusehen, die oben einen Vogel
darstellt, der ins Nest schaut; die untere Tier-
füllung ist ausgebrochen. Nach einer Spur
war es ein Einhufer, den wir uns nach Ana-
logie der mehrfach erwähnten Beispiele als
Einhorn zu denken haben.

Die beiden nächsten Wangenstücke (Abb. 7 u. 8)
tragen Trauben ranken, die in dem einen Teil
oben einen Greif, unten einen Steinbock um-
schliefsen; in dem anderen Teil legen sich die
Ranken oben um einen Löwen; von der unteren
ausgebrochenen Darstellung ist nur mehr ein ge-
spaltener Huf zu erkennen. Die figürlichen
Darstellungen lediglich als raumfüllende orna-
mentale Elemente zu nehmen, erscheint ausge-
schlossen; dagegen sprechen schon die vier
ersten Tierbilder Löwe, Pelikan, Straufs und
Einhorn. Wir müssen sämtliche Bilder als
Symbole auffassen und wir gehen nicht fehl,
wenn wir die eben erwähnten vier Darstellungen
wieder auf die jungfräuliche Mutterschaft Maria

(Mit 8 Abbildungen.)

beziehen. Den Vogel, der seinen Kopf nach
dem Neste beugt, haben wir jedenfalls als
Straufs zu deuten, so wenig er auch einem
solchen ähnelt. Dem Künstler fehlte die rich-
tige Vorstellung des fremdländischen Vogels
genau ebenso wie dem Meister der Türen
von Altötting.12) Bei diesen beiden ersten
Wangenteilen dürfte es kaum einem Zweifel
unterliegen, dafs ihr Bilderschmuck als ein
Defensorium B. M. V. anzusehen ist.

Schwieriger gestaltet sich die Deutung der
beiden anderen Wangenteile, wenn wir gemäfs
dem Vorbilde des ersten Paares nach einem
gemeinsamen Mittelpunkt der Symbole suchen.
Die drei in Frage kommenden Bildwerke: Greif,
Steinbock, Löwe, unterscheiden sich insofern
wesentlich von jenen der beiden ersten Wangen,
als sie sich lediglich auf die Wiedergabe einzelner
Tiere ohne weitere Verkörperung irgend eines
sagenhaften Stoffes beschränken; es dürften also
reine Personifikationen sein. Für sie fehlen
auch in den Defensorien, sei es in Bild oder
Wort, geeignete Parallelstellen; daraus können
wir entnehmen, dafs die Symbole einem an-
deren Gebiete entlehnt sind. Schon das zwei-
fache Auftreten des Löwen auf den Wangen
legt diese Vermutung nahe, denn es ist nicht
wohl anzunehmen, dafs man an demselben Gegen-
stande demselben Gedanken zweimal durch das
gleiche Tier bildlichen Ausdruck verliehen
hätte. So arm war die mittelalterliche Sym-
bolik nicht Will man eine Deutung der
Bildwerke des zweiten Wangenpaares ver-
suchen, so wird diese am ehesten und besten bei
dem Löwen (Abb. 7), als einem der christlichen
Symbolik geläufigsten Tiere einsetzen. Der
Löwe gestattet bekanntlich nach den Psalmen
und anderen Stellen eine Doppeldeutung mit den
gröfsten Gegensätzen. Er kann sich sowohl auf
Christus, den Löwen aus dem Stamme Juda
(Offenb. Joh. 5, 5 und 1. Moses 49, 9), als
auch auf den Teufel, den brüllenden Löwen,
welcher umhergeht, zu suchen, wen er ver-
schlinge, (1. Petri 5, 8), beziehen. Die Deu-

'*) Menzel, »Christi. Symbolik« II (1854) S. 418.
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