Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Zur Darstellung des Nackten in der bi

III.
Was kann und darf nun die christliche
Kunst darstellen?
enn nun die eben besprochenen
Werke der Malerei uns über
unsere Umgebung hinaustragen, ge-
wissermafsen in eine andere Sphäre
versetzen, so erleben wir leider auch oft das
gerade Gegenteil; solche Auswüchse bleiben
ebenfalls zu betrachten, weil sie uns lehren,
Ähnliches zu meiden.

An diesen Irrungen nehmen der Norden wie
der Süden durch graphische und plastische
Kunstwerke einen gleich wenig erfreulichen,
stellenweise tief zu beklagenden Anteil, ob es
sich dabei nun um gemütsrohe Äusserungen
oder wenig Nachdenken verratende Arbeiten,
um grob-sinnliche oder mit raffinierter Bosheit
die niedrigen Instinkte im Menschen weckende
Darstellungen handelt; Verirrungen in der
Kunst sind und bleiben sie, und daran ändern
nicht Namen, nicht Ort, nicht Zeit; was hier
einzig unterscheidet, das ist nur der gröfsere
oder geringere Grad des verdienten Tadels.

Aus dem Vielen, dessen wir hier wohl ge-
denken müfsten, können wir jedoch um des
beschränkten Raumes willen nur Weniges her-
vorheben, und wir wollen uns daher auf die
so beliebten Darstellungen der „keuschen
Susanna" und der „büfsenden Magdalena" be-
schränken. Dies Wenige reicht auch hin, zu
sehen, wie oftmals sich die Künstler zur Wahrheit
in grellsten Widerspruch gesetzt und in ihren
Werken wirkliche Bacchanale gefeiert haben.

Zunächst seien jene, die sich durch Ver-
höhnung einer der sympathischsten Erschei-
nungen unter den hohen Frauengestalten des
„alten Testamentes" schuldig gemacht, sträf-
licher Unwissenheit geziehen, denn ihre Dar-
stellung ist eine geschichtliche Lüge; ist dabei
aber noch gegen besseres Wissen gesündigt
worden, dann brauchen wir uns nicht über
ihre Absicht zu täuschen — ihr Tun ist als-
dann nur ein um so schuldvolleres.

Was nach dem Buche Daniels über den
hier in Frage kommenden Vorgang geschicht-
lich feststeht, findet sich ebendort Kap. 13,
Vers 17 bis 19. Da zeigt es sich deutlich,
dafs eine Überraschung der zum Bade Ent-
kleideten durch die lüsternen alten Sünder
noch gar nicht möglich war.I9)

ldenden Kunst und die Modellfrage.

Es gibt- demnach für die sich meist finden-
den Darstellungen nur zwei Erklärungen, ent- .
weder war man zu träge, sich über den Vor-
gang zu unterrichten, oder man folgte dem
beklagenswerten Vorgehen anderer, aus dieser
herrlichen Geschichte ein Zugstück ganz nie-
driger Art, ein Werk voll sinnlichen Reizes
zur Erweckung wollüstiger Begierden zu schaffen.

Daher doppelte Ehre dem, der wahrhaft
Schönes mit dem geschichtlich Wahren zu ver-
binden verstand. Es ist Bernardino di Betti,
bekannter als „Pinturicchio", der, ein Schüler
und Freund Pietro Perugino's im Auftrage des
Papstes Alexanders VI. dessen Gemächer, das
sogenannte Appartamento Borgia, mit jenen welt-
bekannten farbenprächtigen Fresken geschmückt
hat und deshalb für sein Bild der „keuschen
Susanna" an erster Stelle zu nennen ist. Eine
vorzügliche Wiedergabe dieses Bildes finden
wir in dem unten verzeichneten Monumental-
werke;20) eine kleine, jedoch zu unbedeutende,
weil nur den allgemeinen Eindruck wieder-
gebende Nachbildung findet sich in den
„Künstler-Monographien" — Pinturicchio —
von Ernst Steinmann (Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen und Klasing 1898). —
Der Künstler stellt uns Susanna, von den
alten Sündern bedrängt, entsprechend den
Versen 2 und 31 besagten Kapitels dar, wo
es heifst: „Dieser (Joakim) nahm ein Weib,
Susanna (d. i. Lilie) genannt, eine Tochter
Helcias, die sehr schön war und Gott fürchtete";

l») Denn aus den Versen 17, 18 und 19 erhellt
ganz bestimmt, dafs Susanna zur Zeit des Überfalles
durch die Alten noch nicht die fluchtigste Vorbereitung
zum Bade getroffen haben konnte.

Es ergeben sich nämlich für eine Entkleidung zu
kurze Momente, und dafs diese tatsächlich nicht er-
folgt sein konnte, wird aus Vers 24 vollends ersicht-
lich. Denn Susanna, nachdem sie kurz ihre Dränger
zurückgewiesen, .schrie mit lauter Stimme", und auf
das Geschrei kamen die Diener des Hauses herbei.
— Dafs Susanna diese rief ist mit Rücksicht auf die
strengen Krauengesetze im Orient und auch bei den
luden, wie aus dem IV. Buche Mosis 5, 18 und
Daniel 13, 32 ersichtlich wird, denen zufolge die
Frauen selbst verschleiert waren, ein weiterer Beweis,
dafs sie diese nicht in mangelhafter Bekleidung oder
gar fast entkleidet herbeigerufen hat.

*°) „Gli Affreschi del Pinturicchio nell'Apparta-
menlo Borgia del Palazzo Apostolico Vaticano ripro-
dotti in fototipia e accompagnati da un commentario
di Francesco Ehrle S. J. Prefetlo della Biblioteca
Vaticana e del Comm. Enrico Stevenson, Direttore
del Museo Numismatico Vaticano. Roma, Danesi —
Editore (via del Bagni) 1897. — Sala Ut* detta dei
Santi, Tav. LIX u. I.X.
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